Mitch Ackermann ist Viezepräsident der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU, die unter anderem mit ver.di kooperiert. Sie vertritt 2,2 Millionen Mitglieder in über 100 Branchen. Nur noch 7 Prozent der Arbeiter und Angestellten im privaten Sektor in den USA (also außerhalb des öffentlichen Dienstes) sind gewerkschaftlich organisiert. Zum Vergleich: 1980 waren es noch 20 Prozent.

ZEIT ONLINE: Es heißt, dass die USA sich zur Dienstleistungsgesellschaft gewandelt haben. Aber was bedeutet das für die Arbeiter?

Mitch Ackermann: Es ist verheerend für Arbeiter und die Arbeiterbewegung! Die Gewerkschaften waren es, die einst im Industriebereich Löhne durchgesetzt haben, die es Arbeitern erlauben, ihre Familien zu ernähren, Krankenversicherung und Rente zu bekommen – was dann die amerikanische Mittelschicht entstehen ließ. Wir müssen dafür sorgen, dass das auch für die Arbeit im Dienstleistungsgewerbe gilt.

ZEIT ONLINE: Viele Industriejobs sind ja einfach ins Ausland abgewandert. Blüht dieses Schicksal jetzt auch den Dienstleistungsjobs?

Ackermann: Ja. Jobs in Telefonzentralen, sogar Verwaltungsjobs im Gesundheitsbereich verschwinden. Es gab eine Zeit, in der viele in Amerika dachten, dass es ganz anders komme, dass die Informationstechnologie die Arbeitsplätze aus der Industrie ersetzen würden. Aber das war ein Irrtum. Die Leute unterschätzen, wie einfallsreich und entschlossen Unternehmen werden, wenn sie die billigsten Arbeitskräfte aus dem globalen Arbeitsmarkt abschöpfen wollen.

ZEIT ONLINE: Wie sollten die USA mit den massiven Arbeitsplatzverlusten umgehen?

Ackermann: Zunächst müssen wir unser Gesundheitssystem reparieren. Unternehmen wie GM haben es schwer, auf dem Weltmarkt zu bestehen, wenn bei jedem Auto, das vom Band läuft, 2000 Dollar für die Gesundheitsvorsorge der Arbeiter draufgehen.  

Das Interview führte Julian Carl Jaursch.