Ron Hermance leitet seit mehr als sieben Jahren die Hudson City Bancorp – eine erfolgreiche Bank in Amerika. Sie hat vieles anders gemacht als die Banken an der Wall Street. Während seine Konkurrenz sich in ihren New Yorker Büropalästen mit zweifelhaften Hypothekenpapieren verspekulierte, blieb Hernance bei Sparbuch und Grundschuld. Heute ist sein Institut aus der Provinz zur größten Sparkasse der USA aufgestiegen.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich eigentlich bestätigt, seit an der Wall Street der große Zusammenbruch begann?

Ron Hermance: Nun, früher haben uns die Leute als eine Art Tante-Emma-Laden der Finanzwirtschaft belächelt. Wenn es altmodisch ist, jeden Kredit in den Büchern zu halten und seine Kunden gut zu kennen, dann sind wir eben altmodisch. Aber es scheint, als ob unsere Rechnung aufgegangen ist.

ZEIT ONLINE: Die Wall Street hat ihren guten Ruf verspielt.

Hermance: Ja, da gab es zu viel Geld, das nach zu wenig Anlagemöglichkeiten gesucht hat. Das war es, was die Krise ausgelöst hat. Die Wall Street sucht dann immer nach einer Idee, alles am Fließband in Wertpapiere zu verpacken. Internationale Abnehmer verstehen die dann zwar nicht, aber schnappen sie gerne auf. Dann kommen die Verluste, und die Abnehmer sind überrascht. Dann fangen alle an, Wall Street die Schuld zu geben. 

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie, dass die Leute zornig sind?

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Hermance: Klar, aber ich glaube auch, dass manche Kritik fehlgeleitet ist. Die großen Banken – Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan – haben zum Beispiel recht zügig ihre Staatshilfe zurückgezahlt. Manche hätten sie gar nicht gebraucht und nur genommen, damit andere nicht schlecht dastanden. Jetzt wird mit Fingern auf sie gezeigt, obwohl sie das Geld mit einer Verzinsung zurückgezahlt haben, die es sonst kaum irgendwo gibt!

ZEIT ONLINE: Und was ist mit den Milliardenboni?

Hermance: Wenn ich die Regierung bin und AIG übernehme – will ich dann nicht, dass die besten Kräfte dort arbeiten, damit ich mein Geld wiedersehe? Wenn ich die nicht belohne, dann gehen sie. Und dann sitzt du da mit einem mittelmäßigen Haufen von Leuten, die keine Chance haben, dein Geld zurückzuholen.

ZEIT ONLINE: Die USA könnte bald nicht mehr der führende Kapitalmarkt der Welt sein.

Hermance:
Ich fürchte, dass wir das Vertrauen der Welt verspielen. Amerika kann nicht immer tiefer in die roten Zahlen rutschen. Während einer Rezession wie jetzt, da muss man die Ausgaben steigern, aber nur kurzfristig. Doch die neuen Regierungsprogramme wie die Gesundheitsfürsorge sind derzeit unsinnig. Ausländische Regierungen, die unseren Dollar kaufen, werden fragen: Wie viel Schulden wollt ihr noch machen?

Die Fragen stellte Heike Buchter.