Ruiniert Griechenland den Euro? In diesen Stunden bleibt dies die bange Hauptfrage in Deutschland. Haben die Griechen so dreist über ihre Verhältnisse gelebt, sind sie so unverbesserlich arbeitsscheu und verdorben von der Frührente, dass sie nun ganz Europa in den Abgrund ziehen?

In Athen gewinnt man den Eindruck, dass die Griechen gar nicht so störrisch und uneinsichtig sind. Die Zeitungen sind voll von Veränderungsaufrufen, der Premier hält Blut- Schweiß- und Tränen-Reden, die meisten Bürger fügen sich der Einsicht, dass nichts so weiter geht wie bisher. Die aufgebrachten Demonstranten, die im deutschen Fernsehen in fast jedem Griechenlandbericht zu sehen sind, stehen für eine Minderheit. Die Mehrheit befürwortet auch nach den letzten Umfragen harte Einschnitte und Kürzungen.

Ist das der Mentalitätswandel, der für Griechenlands Gesundung nötig wäre? Das kann man noch nicht absehen. Mentalitäten verändern sich bekanntlich nicht über Nacht, aber so viel lässt sich sagen: Ein Anfang scheint gemacht. Die Regierung hat einen radikalen Sparkurs beschlossen, der in Europa seinesgleichen sucht. Die Steuern werden erhöht. Über den Villen und Schwimmbädern der nach der griechischen Steuerstatistik ärmsten Bürger des Landes kreisen die Hubschrauber der Steuerfahndung. Ja, Griechenland steckt tief in der Krise. Doch in den vergangenen Monaten hat die Regierung von Giorgios Papandreou vieles richtig gemacht.

Doch sagt das niemand im Ausland. Griechische Staatsanleihen wurden mit immer höheren Strafzinsen belegt, bis Papandreou vorige Woche die EU und den Internationalen Währungsfonds um Finanzhilfe bitten musste. In dieser Woche gaben Ratingagenturen den Schulden des Landes Ramschstatus und schlossen Griechenland damit vom Kapitalmarkt aus. Egal, was Papandreou in Athen macht, egal, ob sich die Lage in Griechenland verbessern könnte. Jetzt kommt die Krise vor allem von außen. Deshalb blickt ganz Griechenland jetzt bange nach Norden und fragt: Was macht Berlin?

Angela Merkel, deutsche Kanzlerin und starke Frau der Euro-Zone, hatte zu Wochenbeginn einen historischen Moment. Da hätte sie sagen können: "Die EU hat längst beschlossen, Griechenland zu helfen, wenn es Hilfe braucht. Also helfen wir." Doch das sagte sie nicht. Stattdessen: "Wir helfen nur, wenn Griechenland weitere Sparmaßnahmen einleitet." Seither Zögern, hinhaltende Zugeständnisse von der Kanzlerin – in der dramatischen Lage alles viel zu langsam. Die Opposition bestärkt Merkel noch darin. Schließlich wählt am 9. Mai Nordrhein-Westfalen.

Die Antwort von den Märkten kommt prompt: Der Euro fällt und Portugals Kreditwürdigkeit wird herabgestuft. Am Mittwoch folgt die Attacke auf Spanien, die ebenfalls von den Ratingagenturen bestraft werden. Die Euroländer verlieren im Stundentakt an Ansehen, die Anleger fliehen in Scharen, internationale Analysten stellen die ganze Euro-Zone infrage.