Karl-Heinz Czauderna hatte sein Team auf alle denkbaren Ereignisse vorbereitet. Was geschieht, wenn in Japan plötzlich eine Fabrik ausfällt? Wenn Computerchips knapp werden, weil in China ein Erdbeben die Produktion lahm legt? Für jedes dieser Szenarien ließ Czauderna Notfallpläne entwerfen. Jetzt aber ist ein Ernstfall eingetreten, für den Czauderna kein Konzept hat. "Es ist der Super-GAU", sagt er.

Czauderna ist Logistikchef bei Fujitsu Technology Solutions. Der größte Computerhersteller in Europa produziert in Deutschland Laptops, Server und Desktops im bayerischen Augsburg. Viele Bausteine lässt Fujitsu in Japan und China fertigen, die Laptopgehäuse werden kurzfristig aus Japan eingeflogen, zum Beispiel von Tokyo nach Frankfurt. Seit der isländische Vulkan Eyjafjallajökull Asche spuckt und der Flugverkehr über Europa still steht, ist die Lieferkette unterbrochen. Weil kaum ein Flugzeug in Europa landen darf, stapeln sich Komponenten und Bauteile an den asiatischen Flughäfen. In den deutschen Fabriken wird der Nachschub knapp. Die nächsten zwei, drei Tage reichten die Puffer in den Lagern noch aus. "Dann haben wir ein Problem, das wir schnell lösen müssen", sagt Czauderna.

Der Logistiker ist mit seinen Sorgen nicht allein. Überall auf der Welt müssen Firmen damit klar kommen, dass die Globalisierung seit Mitte vergangener Woche langsamer läuft. Erst schlossen die Flughäfen in Oslo, Stockholm und London, weil sich die Asche am Himmel Europas ausbreitete. Kurz darauf mussten auch die Flugzeuge in Hamburg, Berlin und Frankfurt am Boden bleiben. Seit dem Wochenende geht im europäischen Luftraum bis auf wenige Ausnahmen nichts mehr. Tausende Flüge wurden seither gestrichen, Zehntausende Tonnen an Waren stapeln sich an den Drehkreuzen. Was als Naturereignis begann, ist mittlerweile zu einer Bedrohung für Europas Wirtschaft geworden. In normalen Tagen werden rund 35 Prozent des Welthandels via Flugzeug abgewickelt. Nun muss der Kontinent für unbestimmte Zeit ohne Luftverkehr auskommen.

Die Flugausfälle treffen Europas Wirtschaft in einer prekären Phase. Viele Länder sind gerade der Rezession entkommen. Das hoch verschuldete Griechenland ist in der beginnenden Sommersaison auf jeden Cent angewiesen, den Touristen ins Land bringen. In Deutschland kommt seit Kurzem der Export in Schwung, die Ausfuhren nach Asien, den USA und Russland nehmen wieder zu. In Berlin wächst die Sorge, dass die Folgen des Vulkanausbruchs die Konjunktur abwürgen könnten.

Bislang geben die meisten Ökonomen Entwarnung. Die Schäden für die globale Wirtschaft seien bislang "nicht dramatisch", sagt Henning Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Laufe der Flugverkehr in den kommenden Tagen wieder an, sei der Effekt vergleichbar mit einem Streik, bei dem die Waren kurz aufgestaut werden und die Einbußen langfristig gering seien. Ähnlich sieht es Michael Able von der Münchener Rück. Anders als bei anderen Naturkatastrophen seien durch den Vulkanausbruch keine Werte zerstört worden, die Industrieproduktion sei bislang im Wesentlichen nicht beeinträchtigt. "Es müsste schon einige Wochen dauern, bevor es zu einem massiven Ausfall an Beschäftigung und Produktion kommt", sagt auch Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies in Brüssel.

Das ist aber nicht so unwahrscheinlich: Meteorologen schließen keinesfalls aus, dass die Aschekonzentration in der Luft noch tagelang zu hoch sein kann, um den Flugverkehr wieder vollständig in Gang zu setzen. "Das kann noch einige Wochen dauern, möglicherweise Monate", zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den isländischen Vulkanologen Reynir Bödvarsson. Stimmt das, wäre das ein ernsthaftes Risiko für die Konjunktur. Langfristige Lieferketten könnten reißen, der Nachschub an Waren und Rohstoffen bliebe nach und nach aus. Technologieunternehmen wie Fujitsu sind auf just in time angelieferte Technikteile angewiesen, die normalerweise mit dem Flugzeug ins Land kommen. Auch der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle fürchtet, dass die Lage "ernst" werden könnte, falls das Flugverbot weitere Tage andauere.

Schon jetzt klagen erste Branchen über Einbußen. Früchte, Fisch und andere frische Lebensmittel etwa werden fast immer nach Europa eingeflogen. Kenianische Züchter, die rund 35 Prozent der Blumenimporte in Europa stellen, verlieren derzeit nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Dollar täglich, weil ihre Ware nicht ankommt. Aber auch die deutsche Autoindustrie könnte in Schwierigkeiten geraten: Weil derzeit einige Komponenten in den amerikanischen Werken des Konzerns nicht ankommen, könnten im schlimmsten Falle in wenigen Tagen die Bänder still stehen, heißt es beim deutschen Autohersteller BMW.