Selten haben die Händler an der Wall Street so viel gelästert wie heute. "Der versucht nur, seinen Hintern zu retten ", ätzt David, der seit 30 Jahren auf dem Parkett steht. Die Rede ist nicht von Tiger Woods. Bei dem Mann, um den es hier geht, liegen die Dinge ungleich komplizierter. Ein paar ordentliche Abschläge reichen nicht aus, damit sich die Welt wieder mit ihm versöhnt.
Nichts bietet so viel Gesprächsstoff wie der Absturz eines Superstars, der jahrelang der Maßstab aller Dinge war. Alan Greenspan war einst der bewunderte Maestro, der Mister Dollar. Als er nach fast zwanzig Jahren an der Spitze der US-Notenbank 2006 in Rente ging, galt er als beinahe unantastbar.
Er hatte die Inflation niedrig gehalten. Er hatte den Börsen-Crash vom Oktober 1987 mit Bravour bewältigt. Er hatte Amerika eine der längsten Wachstumsphasen seiner Geschichte beschert. Und nach dem 11. September 2001 rettete er die Weltwirtschaft vor einer Rezession, indem er die Zinsen dramatisch senkte.
Dann kam die Finanzkrise. Vom amerikanischen Häusermarkt ausgehend ergriff sie rasch die ganze Welt. Banken wie Lehman Brothers gingen Pleite oder mussten wie die Hypo Real Estate vom Staat gerettet werden. Der Steuerzahler hielt seinen Kopf hin für schief gegangene Finanzmarkt-Wetten, von denen er bis dahin gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.
Auf der Liste der Sündenböcke landete Greenspan gleich hinter den Zockern. Die Vorwürfe: Mit seiner jahrelangen Niedrig-Zins-Politik habe er die Blase am Häusermarkt erst ermöglicht und so die Krise heraufbeschworen. Die Banken hätten dermaßen viel Geld gehabt, dass sie damit Leuten Darlehen verschafften, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten.
Um das Risiko möglichst schnell aus den eigenen Büchern streichen zu können, verpackten die Banken diese und andere Kredite dann in Pakete, deren Inhalte kaum noch zu beurteilen waren, und verkauften sie rasch weiter. Das alles hätte die Zentralbank sehen und unterbinden müssen, heißt es jetzt.
Schwerer jedoch wiegt aus der Sicht von vielen, dass Greenspan sich keinerlei Schuld anlastet. Er sei "still not a Mensch", ätzte Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog – weil der Ex-Notenbankchef es nicht schaffe, einfach "Sorry" zu sagen.
Das alles wollte der alte Mann nicht auf sich sitzen lassen. Am Mittwoch stellte er sich im Kongress dem Untersuchungsausschuss des Parlaments zur Finanzkrise. Er kam, um sein Lebenswerk zu retten.