Täglich machen Raj und Lal ihre Runde durch Karol Bagh, vorbei am Bazar, an den kleinen Läden, die bunte Stoffe, Lederwaren, Schuhe oder Heiligenstatuen feilbieten. In dem bunten Viertel mitten im Herzen von Delhi haben sich zahlreiche billige Hotels angesiedelt. Rucksacktouristen aus dem Westen bevölkern die Straßen. Auf sie haben es Raj und Lal abgesehen. Die beiden Zwölfjährigen arbeiten als Schuhputzer. Für zehn Rupien, umgerechnet nicht einmal 20 Cent, putzen und polieren die beiden Jungen die Schuhe der Touristen. Sieben Tage die Woche, von morgens bis abends. Ihre Körper sind klein, die Haare verfilzt, die Hände verhornt und schmutzig. Raj und Lal sind zwei von schätzungsweise 13 Millionen Kinderarbeitern im Alter zwischen fünf und 14 Jahren in Indien. Die Zahl ist eine vorsichtige Schätzung der Regierung. Der indische Journalist und Buchautor M.V. Kamath vermutet, dass die Zahl deutlich höher liegt. "Es gibt mindestens 70 bis 80 Millionen Kinder in Indien, die nicht die Schule besuchen. Was machen diese Kinder? Man muss davon ausgehen, dass sie alle arbeiten." Hilfsorganisationen gehen sogar von rund 100 Millionen Kinderarbeitern in Indien aus.

Raj und Lal gehen an diesem Tag jedenfalls nicht zur Schule. Sie arbeiten. Bei stickigen 43 Grad schleppen sie ihre schweren Holzkoffer durch die engen, staubigen Gassen, balancieren sie über die Straßengräben, in denen Abwasser und Küchenabfälle versickern. Mehrere Kilo wiegt das Arbeitsgerät. Verschiedene Schuhcremes, Bürsten, Schuheinlagen und auch Werkzeuge haben die Kinder dabei. "Mam, shoe clean? Mam, please, shoe clean?", rufen sie und zerren an einer Europäerin, die schwarze Halbschuhe trägt.

Eigentlich möchte die Holländerin die Dienste der Jungen nicht in Anspruch nehmen. Gut für die Schuhe, die nicht aus Leder sondern aus Synthetik sind, ist es wohl auch nicht. "Mam, 10 Rupies! Mam!", insistieren die Kinder. Raj und Lal haben gelernt, energisch zu sein. Dann gucken sie die Frau mit großen, traurigen Augen an, greifen nach ihrer Hand. Die Touristin zieht ihre Hand erst erschrocken zurück, dann lässt sie es geschehen. Es sind doch nur Kinder. Die Jungen öffnen ihre Holzkoffer und holen Bürsten hervor. Raj reicht der Frau ein paar Plastiksandalen. Jetzt hebt sie die Schultern. Okay, also gut. Eigentlich wolle sie Kinderarbeit nicht unterstützen, erzählt sie. Eine vierwöchige Indienreise liegt hinter ihr. In zahlreichen Restaurants habe sie spät am Abend kleine Kinder gesehen, die den Abwasch verrichteten und in der Küche arbeiteten. "Ich habe diese Restaurants dann verlassen", sagt sie. Die beiden kleinen Schuhputzer tun ihr leid. Das Mitleid ist Teil des Geschäfts.

"Zehn Rupien sind ein völlig überzogener Preis. Die Eltern werden den Kindern sowieso alles Geld abnehmen. Wenn sie überhaupt Eltern haben und nicht als Arbeitssklaven an organisierte Banden verkauft wurden", sagt ein Inder. Er stellt sich als Ajit Kumar vor und betreibt ein Geschäft die Straße herab.

Raj und Lal haben sich unterdessen über die Schuhe der Touristin hergemacht. Sie bürsten sie kräftig ab und reiben den Staub weg, dann schmieren sie erst schwarze, dann weiße Schuhcreme auf die Synthetik-Halbschuh. Während sie die Schuhe bearbeiten und polieren, schütteln sie ihre Köpfe. Es sieht aus, als seien die Kinder ganz eins mit ihrer Tätigkeit, die kleinen Körper wiegen sich vor und zurück im Rhythmus der Bürsten.

Der Ladenbesitzer fungiert jetzt als Übersetzer. Raj und Lal stammen aus einem Dorf in Rajasthan, in Delhi würden sie bei einem Onkel leben. Für ihn arbeiten sie. Ein Teil des Geldes, das sie verdienen, bekommen ihre Eltern. Sind die Eltern immer noch im Dorf? Nein, sagt Raj. Sie würden als Wanderarbeiter auf Baustellen arbeiten. Er glaubt, dass seine Eltern noch in seinem Dorf seien, sagt hingegen Lal. Es geht ein bisschen durcheinander. "Sie sind wahrscheinlich von ihren Eltern als Arbeiter verpfändet worden. Viele sehr arme Wanderarbeiter tun dies. Und jetzt vor dem Commonwealth-Games ist die Stadt voll mit solchen Arbeitern", sagt der Übersetzer.

Haben die Jungen denn jemals eine Schule besucht? Ja, nicken sie. Im Dorf gab es eine. Wie lange sie diese besucht haben und wie lange sie schon in Delhi als Schuhputzer arbeiten, können sie allerdings nicht genau sagen. Nur dass sie hier in der Stadt keine Schule besuchen.
Raj und Lal haben ihr Werk beendet. Die Halbschuhe glänzen und die Touristin gibt den Jungen 20 Rupien, das Doppelte des vereinbarten Preises. Für die Holländerin nichts, für die Jungen ein kleines Vermögen. Auf etwa fünf bis zehn Euro wird der durchschnittliche Montagsverdienst eines Kinderarbeiters in Indien geschätzt. "Sie werden es wohl nicht behalten dürfen", vermutet Ladenbesitzer Ajit Kumar. Dann sagt er etwas zu den Jungen, nickt mit dem Kopf und wirbelt mit den Händen. "Ich gebe ihnen eine Packung Kekse und etwas Saft", erklärt er und eilt zu seinem Geschäft. "Was die Kinder im Magen haben, kann ihnen keiner wieder wegnehmen."