Deutschland ist die stärkste Wirtschaftsmacht innerhalb der EU, ein politisches Schwergewicht. Was in Deutschland gesagt und diskutiert wird, hat Bedeutung, hat Folgen für Europa.

Deutschland, in Persona Bundeskanzlerin Angela Merkel, wurde dieser Verantwortung in den vergangenen Tagen nicht gerecht. Am 11. April einigten sich die EU-Staaten auf ein Rettungspaket für die Griechen. "Die Euro-Mitgliedsstaaten werden entschlossen und koordiniert handeln, sofern das nötig ist, um die finanzielle Stabilität insgesamt zu sichern."

Die Entscheidung kam spät, aber immerhin, sie kam. Merkel hatte lange gezaudert, bis sie letztlich doch zustimmte. Bis zum Schluss hielt sie sich alle Optionen offen und betonte, der Krisenfall sei äußerst unwahrscheinlich. Die zögerliche Haltung der "Madame Non", wie sie in Frankreich getauft wurde, zahlte sich jedoch aus. Sie setzte sich mit einer Kernforderung durch: Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde für den Fall der Fälle mit ins Boot geholt. 

Was damals als Sieg für Deutschland gefeiert wurde, wird aber jetzt zum Problem. Jetzt ist er da, der griechische Notfall, den Merkel über Wochen immer wieder abmoderiert hat. Mit ihm kommt die zögernde Bundeskanzlerin zurück. Sie macht einen Schritt nach vorn, um dann gleich wieder einen Schritt zurückzutreten. Sie betont die Verantwortung Deutschlands für Europa und den Euro. Sie sagt aber gleichzeitig, eine endgültige Entscheidung über die EU-Hilfen für Athen sei noch nicht getroffen.

Natürlich ist es richtig, den Griechen nicht einfach Geld hinterherzuwerfen. Natürlich müssen IWF und EZB harte Auflagen für einen strikten Sparkurs in Griechenland aufstellen. Aber zuallererst geht es jetzt darum, Griechenland zu stützen und die Märkte mit einer klaren Zusage zu beruhigen. Dazu gibt es keine Alternative. Oder glaubt die Kanzlerin wirklich, sie könnte Griechenland die Hilfe verweigern? Der Markt muss wissen: Die EU hilft. So wurde es ja auch am 11. April beschlossen. Stattdessen hält sich die Kanzlerin scheinbar alle Optionen offen.

Die Motive für diese Strategie sind klar: Am 9. Mai wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Der Wähler steht den Finanzhilfen - nicht zuletzt Dank der Griechenland-Hetze der Boulevardpresse – skeptisch gegenüber. Merkel versucht zu beruhigen, zu signalisieren, noch sei nichts entschieden. Sie muss erklären, warum etwas eingetreten ist, was die Kanzlerin lange nicht für möglich hielt. Das mag beim Wähler Wirkung zeigen. An den Finanzmärkten sorgt es für Unruhe und bei den europäischen Partnern für Verwirrung.

Stattdessen sollte Merkel den Deutschen erklären, was es bedeuten würde, nicht zu helfen. Die Kosten wären weitaus höher als die Milliarden, die jetzt nach Athen in Form von Krediten fließen werden. Deutsche Banken sind mit 45 Milliarden Euro an den griechischen Schulden beteiligt. Will die Kanzlerin eine neue Finanzkrise riskieren?

Sie muss gegenüber dem Wähler als europäische Staatsmännin auftreten, die konsequent zu der am 11. April getroffenen Entscheidung steht. Zusammen mit dem IWF, der EU und der EZB müssen dann die Bedingungen verhandelt werden, unter denen die Hilfe für Griechenland fließt. Was in diesem Augenblick ja auch passiert. Hart, aber fair. Griechenland muss einen Reformkurs einschlagen, eisern sparen und natürlich die Kredite zurückzahlen.

Gleichzeitig muss sie die eigenen Reihen schließen. Bei Schwarz-Gelb durfte in den vergangenen Tagen jeder seinen Senf zur aktuellen Situation dazugeben. Die Vorschläge reichten von Gläubigerkonferenz über einen Austritts Griechenlands aus der Eurozone, bis hin zu einer Umschuldung. Eine klare Linie? Fehlanzeige. Und Merkel schweigt.