Berolina ist genervt. Redlich müht sich dieser Berliner Touristik-Angestellte am Brandenburger Tor, vor die Kameralinsen der ausländischen Touristen zu gelangen. Er winkt und tanzt in seinem grauen, flauschigen Berliner Bärenkostüm, doch heute hat er keine Chance.

Denn direkt neben ihm stehen etwa vierzig Menschen, die sich als Robin Hood, Bruder Tuck und Maid Marian verkleidet haben und den Überfall einer Postkutsche spielen. Sogar eine Leiter haben sie aufgestellt, die die Touristen zum Fotografieren nutzen können. Berolina muss sich abseits stellen, um wenigstens einige Berlin-Besucher abzufangen.

Nun werden wohl nicht viele der Touristen ihren Lieben zu Haus in Atlanta, Clermont-Ferrand und Sapporo erklären, dass diese Robin Hoods von Attac und anderen globalisierungskritischen Organisationen sind und um die Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer kämpfen. Vermutlich nicht einmal, dass eine solche Abgabe notwendig ist, um die Finanzspekulation einzudämmen. Doch die Stimmung ist trotzdem heiter, als sich der Tross – zur großen Erleichterung Berolinas – auf den Weg zum Bundesfinanzministerium macht. Denn diese vierzig Menschen eint das wunderbare Gefühl, Recht behalten zu haben.

Im Finanzministerium findet eine internationale Finanzmarktkonferenz statt. Eine Zusammenkunft von Finanzpolitikern aus aller Welt, die unversehens an Brisanz gewonnen hat. Eine Währungskrise hat Europa erfasst, selbst die Kanzlerin spricht inzwischen ganz offen von der Gefahr, der Euro und mit ihm die Europäische Union könnten scheitern . Frankreichs Finanzministerin Lagarde hat sich angesagt, ebenso wie EU-Finanzkommissar Michel Barnier und OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Man will darüber diskutieren, wie solche existenziellen Krisen künftig unterbunden werden können.

Attac und andere globalisierungskritische Initiativen haben dazu seit Jahrzehnten einen Vorschlag: Die Finanztransaktionssteuer. Noch im Jahr 2007, auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm , wurden Befürworter dieser Steuer als Spinner und Linksextremisten abgetan. Nun aber spricht sich selbst die CSU für dieses Instrument aus. Und die schwarz-gelbe Bundesregierung hat unter dem Druck von Christsozialen, Opposition und öffentlicher Meinung versprochen, sich für eine solche Steuer einzusetzen .

Erstaunlich ist das. Entsprechend selbstbewusst sind die Demonstranten, die jetzt auf der Straße Unter den Linden versuchen, den internationalen Finanzmärkten endlich Ketten anzulegen und sich dabei an den vielen Straßencafés vorbeizuschlängeln.

"Wir sind die wahren Krisengewinnler", sagt einer, der schon lange dabei ist. Ein "großer Sieg" sei die aktuelle Debatte für Attac. Nur euphorisch dürfe man jetzt nicht werden. Schließlich werde die Regierung versuchen, sich mit einer abgeschwächten Variante, der von der Koalition ins Spiel gebrachten internationalen Finanzaktivitätssteuer, aus der Affäre zu ziehen. "Die werden uns Brotkrumen hinwerfen, um sich das Brot wieder zurückzuholen."