"Der Euro wird zur weichen Währung"

Frage: Herr Ferguson, reicht das Rettungspaket der EU, um den Euro zu retten?

Niall Ferguson:Europas Staatschefs sind offenbar endlich aufgewacht und haben die große Gefahr für die Währungsunion erkannt. Das Paket sollte reichen, um die Attacke auf die südeuropäischen Anleihemärkte abzuwehren und die europäischen Banken vor einer neuen, akuten Krise zu bewahren.

Frage: Welche Maßnahmen sind jetzt besonders wichtig?

Ferguson: Die Kreditgarantien sind nicht entscheidend. Sie könnten durch Streit in einigen Mitgliedstaaten wie Deutschland wieder infrage gestellt werden. Insofern sind wir nur einen kleinen Schritt weiter in Richtung einer fiskalpolitischen Union gekommen. Entscheidend ist, dass die Europäische Zentralbank jetzt Staatsanleihen aufkauft. Damit ist die No-Bail-out -Regel hinfällig. EZB-Chef Trichet hat kapituliert, und der Euro ist keine stärkere Währung mehr als der Dollar.

Frage: Löst das Hilfspaket auch die strukturellen Probleme der Währungsunion?

Ferguson: Nein, es handelt sich um eine Notlösung. Das grundsätzliche Problem der Eurozone bleibt: Es gibt nach wie vor keinen Mechanismus für finanzielle Transfers zwischen den Mitgliedstaaten. Ohne neue EU-Verträge lässt sich das auch nicht machen. Und das würde sicher zu starken Protesten in den nordeuropäischen Ländern führen.

Frage: Steht der Euro also langfristig vor dem Aus?

Ferguson: Griechenland wird irgendwann pleite gehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro.

Frage: Welche historischen Parallelen sehen sie zur aktuellen Euro-Krise?

Ferguson: Die Finanzkrise ist die Geschichte übermäßiger Verschuldung. Erst bei den Haushalten, dann bei den Banken und jetzt bei den Staaten. Ich habe Anfang 2008 die großen Investmentbanken danach geordnet, wie hoch sie mit Kreditrisiken behaftet waren. Die Reihenfolge begann mit Bear Stearns und endete mit Goldman Sachs. Diese Woche habe ich eine Liste von Staaten gemacht, geordnet nach ihren Schuldenrisiken. An erster Stelle kommt Japan, gefolgt von Großbritannien, Griechenland, Spanien, Irland, den USA, Portugal. Auch hier gibt es den Ansteckungseffekt. Die Lage Großbritanniens ist in vielerlei Hinsicht nicht besser als die der südeuropäischen Länder. Jetzt soll auch noch eine Koalition ein Haushaltsdefizit von elf Prozent abbauen. Gott weiß, wie das gehen soll.

 

Frage: Und was ist mit den USA?

Ferguson: Wann sich die Märkte gegen Amerika richten, ist schwer vorauszusagen. Die finanzielle Situation der USA ist unhaltbar. Im Jahr 2040 wird das Land seine gesamten Steuereinnahmen für den Schuldendienst einsetzen müssen. Das ist unmöglich. Aber im Moment sehen die Investoren die USA sogar noch als sicheren Hafen. Sie kaufen US-Treasuries und stärken den Dollar. Das erzeugt die Illusion, dass Amerika stark ist.

Frage: Gibt es keinen Ausweg?

Ferguson: Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail out . Aber wer ist stark genug, um die USA vor dem Ruin zu bewahren? Die Schuldenkrise kann der Auslöser für den Zusammenbruch der Supermacht Amerika sein.

Frage: Wenn auch der Dollar wackelt, welche Währung wird zum Stabilitätsanker?

Ferguson: Ich befürchte, dass wir uns mit einer Welt abfinden müssen, in der Papierwährungen allgemein ihre Glaubwürdigkeit verlieren und wir wieder mehr auf Rohstoffe als Währungsstandards zurückgreifen müssen.

Frage: Zurück zum Euro. Könnte eine Umschuldung die Krise lindern?

Ferguson: Das kommt darauf an, welchen Effekt eine Umschuldung auf die Banken hätte. Ein Forderungsverzicht der Gläubiger würde auch bei den anderen Schuldnerstaaten zu Umschuldungen führen. Ein solcher Haircut ist sicher gerechtfertigt. Aber bevor man das macht, sollte man sicher sein, welche Wirkungen das auf die Bilanzen der Banken hat.

Frage: Wie wird es jetzt mit dem Euro weitergehen?

Ferguson: Der Euro wird über kurz oder lang schwächer werden. Bereits jetzt hat er gegenüber dem Dollar stark an Wert verloren. Das wird der europäischen Wirtschaft zunächst nützen, denn die Exporte werden durch eine schwache Währung angekurbelt. Es kann sogar sein, dass der Euro dadurch ein neues Gleichgewicht findet. Vielleicht dort, wo er einmal gestartet ist - unterhalb der Parität zum Dollar. Mag sein, dass das der Platz ist, wo der Euro hingehört.

Frage: Der Euro wird also zu einer Weichwährung?

Ferguson: Ja, und das ist die Stunde der Wahrheit für EZB-Chef Trichet, der bislang als Inflationsfalke auftritt. Die EZB hat bereits ihre Anforderungen für Sicherheiten bei Notenbankkrediten gelockert. Nun kauft sie Staatsanleihen auf. Damit hat sie den Weg zu einer schwachen Währung eingeschlagen. Vor die Frage gestellt, ob er einen Fall wie Lehman Brothers in Europa oder lieber einen schwachen Euro hinnehmen will, hat sich Trichet für einen schwachen Euro entschieden.

 

Frage: Hat die Gemeinschaftswährung einen Geburtsfehler?

Ferguson: Was wir erleben, ist die Rache der Geschichte an den Technokraten, die den Euro ins Leben gerufen haben. Ich habe 1999 zusammen mit meinem Kollegen Larry Kotlikoff prophezeit, dass die Währungsunion ohne eine fiskalpolitische Union auseinanderbrechen wird. Es war von vornherein klar, dass es sich beim Euro um ein sehr instabiles Projekt handelt.

Frage: Aber der Euro war doch bislang eine Erfolgsgeschichte.

Ferguson: Das hatte auch mit finanzieller Alchemie zu tun. Der Euro hat den Eindruck erweckt, dass griechische, portugiesische oder spanische Staatsanleihen fast genauso gut sind wie deutsche. Diese Illusion führte dazu, dass die Kreditkosten in allen Euro-Ländern zurückgingen. Leider haben die Länder am Rand der Euro-Zone die niedrigen Zinsen nicht dazu genutzt, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Im Gegenteil. Sie sind weiter hinter Deutschland zurückgefallen.

Frage: Was sollen die Europäer tun?

Ferguson: Die EU hat die Wahl: Entweder kann sie sich zu den Vereinigten Staaten von Europa weiterentwickeln und eine gemeinsame Fiskalpolitik betreiben, oder wir müssen akzeptieren, dass es sich bei der Währungsunion um ein instabiles Gebilde handelt wie etwa das Heilige Römische Reich. Ich sehe nicht den politischen Willen, die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen. Der Lissabon-Vertrag scheint der Höhepunkt der europäischen Integration gewesen zu sein.

Frage: Die Krise des Euros wird auch die politische Einigung Europas gefährden?

Ferguson: In gewisser Weise ist die Währungsunion bereits ein Schritt zur Desintegration. Nur 16 von 27 EU-Mitgliedern haben den Euro. Das hat bereits zu einer institutionellen Asymmetrie geführt, in der einige Länder eine größere Bedeutung haben als andere. Vielleicht werden wir einmal feststellen, dass die Währungsunion kontraproduktiv auf die politische Einigung Europas gewirkt hat. Die Währungsunion schürt Konflikte zwischen den Mitgliedern, und es gibt keinen Mechanismus, um diese Konflikte zu lösen.

Frage: Braucht Europa eine Transferunion, um diese Konflikte zu lösen?

Ferguson: Der Unterschied zwischen den USA und der Eurozone ist, dass es in Amerika Transfers von reichen zu armen Bundesstaaten gibt. Wenn die Leute in Texas reich werden und ihre Bundessteuern bezahlen, landet das Geld in Form von Sozialabgaben in Michigan. Das gibt es nicht in Europa. Ohne einen solchen Mechanismus lassen sich die Ungleichgewichte in einer Währungsunion jedoch nicht auflösen.

Frage: Für eine Transferunion gibt es jedoch keine politischen Mehrheiten. Wird die Eurozone also auseinanderbrechen?

Ferguson: Nein, das glaube ich nicht. Die Europäer werden zunächst zusammenbleiben und sich durchwursteln. Das hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Denken Sie an die lateinische Münzunion, die von Napoleon III. im Jahr 1865 geschaffen wurde. Damals wurde das System von hohen Defiziten in Italien unterminiert. Dennoch hielt sich die Union auf dem Papier bis in die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das könnte auch das Schicksal des Euros sein - nicht einfach mit einem Knall auseinanderzubrechen, sondern langsam dahinzusiechen.

Frage: Sollte Deutschland den Euro verlassen?

Ferguson: Ich kann nicht erkennen, welchen Vorteil Deutschland davon hätte. Sicher, die Deutschen müssten nicht mehr für Griechenland zahlen. Aber es ist schwer vorstellbar, dass die Deutschen die Union verlassen, nachdem sie so viel in die europäische Integration investiert haben. Vielleicht werden die Europäer in zehn Jahren so weit sein, einen europäischen Bundesstaat durchzusetzen.

 

Frage: Soll Deutschland weiter für die Sünden der Schuldenmacher zahlen?

Ferguson: Die deutsche Position ist widersprüchlich. Einerseits genießen sie die Vorteile der europäischen Integration, insbesondere die Exportmärkte in ihrer Nachbarschaft. Aber sie wollen jetzt nicht mehr dafür bezahlen. Man kann die Integration eben nicht umsonst haben. Das glauben offenbar viele in Deutschland. Die Summen im Fall Griechenland waren übrigens anfangs nicht übermäßig hoch.

Frage: Wir sprechen jetzt immerhin über dreistellige Milliardenbeträge.

Ferguson: Die Deutschen haben sich durch ihr Zögern selbst ins Knie geschossen. Ich glaube nicht, dass Frau Merkel die Vorteile und die Kosten einer Rettung verstanden hat. Ganz sicher hat sich nicht realisiert, dass sie die Kosten durch ihre zögerliche Haltung nach oben treiben würde.

Frage: Kanzlerin Merkel beschuldigt Spekulanten und Ratingagenturen, die Euro-Krise verschärft zu haben. Europäische Politiker sprechen von einem "Angriffskrieg" gegen den Euro und von einer "Generalmobilmachung". Sind Spekulanten schuld an der Krise?

Ferguson: Wenn ich europäische Politiker höre, dass sie gegen Märkte und Spekulanten vorgehen wollen, erinnert mich das an die 70er-Jahre, als der britische Premierminister Harold Wilson die Gnome aus Zürich für seine Währungsprobleme verantwortlich gemacht hat. Die westlichen Politiker sollten sich lieber an die eigene Nase fassen. Sie haben durch ihre Fehler zur aktuellen Krise beigetragen.

Frage: Inwiefern?

Ferguson: Man kann nicht Goldman Sachs oder Hedgefonds für alles verantwortlich machen, was in der Finanzwelt schiefläuft. Unsere Probleme haben viel mit einer falschen Geldpolitik, mit gravierenden Fehlern in der Fiskalpolitik und großen Irrtümern bei der Regulierung der Finanzmärkte zu tun.

Frage: Politiker in Europa fordern, die Politik müsse wieder das Primat über die Märkte haben. Wie kann man das erreichen?

Ferguson: Ein Weg wäre, dass Regierungen eine solide Haushaltspolitik betreiben. Man kann schwerlich die Märkte dafür verantwortlich machen, wenn die westlichen Politiker Schuldenberge auftürmen. Auch Frankreich und Deutschland haben ihre Probleme mit Defiziten. Erst Marktdisziplin bringt viele Politiker dazu, wirtschaftlich vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Frage: Aber entzieht sich die Finanzwelt nicht der politischen Kontrolle?

Ferguson: Das Gerede darüber, die Märkte unter Kontrolle zu bringen, geht an der Wirklichkeit vorbei. Staaten und Märkte haben keine feindliche Beziehung. Seit der Zeit der Medici war es eine symbiotische Beziehung, die dem Staat immer auch genützt hat. Ohne seinen Finanzsektor wäre Großbritannien zum Beispiel nie zu einer Weltmacht geworden.

Frage: Vielen Deutschen erscheinen die Finanzmärkte aber wie ein "Monster".

Ferguson: Hier zeigt sich ein gehöriges Maß an Heuchelei. Die Leute wollen die Vorteile moderner Finanzinstitute genießen. Aber wenn man ihnen dann erklärt, das hocheffiziente Finanzmärkte eben auch Krisen produzieren, sagen sie: "Das wollen wir nicht."

Frage: Lassen sich Markt und Staat überhaupt versöhnen?

Ferguson: Der falsche Weg wäre zu sagen, der Staat muss die Märkte dominieren. Das haben wir versucht, und es ist gescheitert. Besser wäre es, Adam Smith zu folgen, der bereits im Wohlstand der Nationen festgehalten hat, dass insbesondere der Finanzsektor reguliert werden muss.

Das Interview erschien am 11.05.2010 im Handelsblatt .