Frage: Hat die Gemeinschaftswährung einen Geburtsfehler?

Ferguson: Was wir erleben, ist die Rache der Geschichte an den Technokraten, die den Euro ins Leben gerufen haben. Ich habe 1999 zusammen mit meinem Kollegen Larry Kotlikoff prophezeit, dass die Währungsunion ohne eine fiskalpolitische Union auseinanderbrechen wird. Es war von vornherein klar, dass es sich beim Euro um ein sehr instabiles Projekt handelt.

Frage: Aber der Euro war doch bislang eine Erfolgsgeschichte.

Ferguson: Das hatte auch mit finanzieller Alchemie zu tun. Der Euro hat den Eindruck erweckt, dass griechische, portugiesische oder spanische Staatsanleihen fast genauso gut sind wie deutsche. Diese Illusion führte dazu, dass die Kreditkosten in allen Euro-Ländern zurückgingen. Leider haben die Länder am Rand der Euro-Zone die niedrigen Zinsen nicht dazu genutzt, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Im Gegenteil. Sie sind weiter hinter Deutschland zurückgefallen.

Frage: Was sollen die Europäer tun?

Ferguson: Die EU hat die Wahl: Entweder kann sie sich zu den Vereinigten Staaten von Europa weiterentwickeln und eine gemeinsame Fiskalpolitik betreiben, oder wir müssen akzeptieren, dass es sich bei der Währungsunion um ein instabiles Gebilde handelt wie etwa das Heilige Römische Reich. Ich sehe nicht den politischen Willen, die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen. Der Lissabon-Vertrag scheint der Höhepunkt der europäischen Integration gewesen zu sein.

Frage: Die Krise des Euros wird auch die politische Einigung Europas gefährden?

Ferguson: In gewisser Weise ist die Währungsunion bereits ein Schritt zur Desintegration. Nur 16 von 27 EU-Mitgliedern haben den Euro. Das hat bereits zu einer institutionellen Asymmetrie geführt, in der einige Länder eine größere Bedeutung haben als andere. Vielleicht werden wir einmal feststellen, dass die Währungsunion kontraproduktiv auf die politische Einigung Europas gewirkt hat. Die Währungsunion schürt Konflikte zwischen den Mitgliedern, und es gibt keinen Mechanismus, um diese Konflikte zu lösen.

Frage: Braucht Europa eine Transferunion, um diese Konflikte zu lösen?

Ferguson: Der Unterschied zwischen den USA und der Eurozone ist, dass es in Amerika Transfers von reichen zu armen Bundesstaaten gibt. Wenn die Leute in Texas reich werden und ihre Bundessteuern bezahlen, landet das Geld in Form von Sozialabgaben in Michigan. Das gibt es nicht in Europa. Ohne einen solchen Mechanismus lassen sich die Ungleichgewichte in einer Währungsunion jedoch nicht auflösen.

Frage: Für eine Transferunion gibt es jedoch keine politischen Mehrheiten. Wird die Eurozone also auseinanderbrechen?

Ferguson: Nein, das glaube ich nicht. Die Europäer werden zunächst zusammenbleiben und sich durchwursteln. Das hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Denken Sie an die lateinische Münzunion, die von Napoleon III. im Jahr 1865 geschaffen wurde. Damals wurde das System von hohen Defiziten in Italien unterminiert. Dennoch hielt sich die Union auf dem Papier bis in die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das könnte auch das Schicksal des Euros sein - nicht einfach mit einem Knall auseinanderzubrechen, sondern langsam dahinzusiechen.

Frage: Sollte Deutschland den Euro verlassen?

Ferguson: Ich kann nicht erkennen, welchen Vorteil Deutschland davon hätte. Sicher, die Deutschen müssten nicht mehr für Griechenland zahlen. Aber es ist schwer vorstellbar, dass die Deutschen die Union verlassen, nachdem sie so viel in die europäische Integration investiert haben. Vielleicht werden die Europäer in zehn Jahren so weit sein, einen europäischen Bundesstaat durchzusetzen.