Frage: Soll Deutschland weiter für die Sünden der Schuldenmacher zahlen?

Ferguson: Die deutsche Position ist widersprüchlich. Einerseits genießen sie die Vorteile der europäischen Integration, insbesondere die Exportmärkte in ihrer Nachbarschaft. Aber sie wollen jetzt nicht mehr dafür bezahlen. Man kann die Integration eben nicht umsonst haben. Das glauben offenbar viele in Deutschland. Die Summen im Fall Griechenland waren übrigens anfangs nicht übermäßig hoch.

Frage: Wir sprechen jetzt immerhin über dreistellige Milliardenbeträge.

Ferguson: Die Deutschen haben sich durch ihr Zögern selbst ins Knie geschossen. Ich glaube nicht, dass Frau Merkel die Vorteile und die Kosten einer Rettung verstanden hat. Ganz sicher hat sich nicht realisiert, dass sie die Kosten durch ihre zögerliche Haltung nach oben treiben würde.

Frage: Kanzlerin Merkel beschuldigt Spekulanten und Ratingagenturen, die Euro-Krise verschärft zu haben. Europäische Politiker sprechen von einem "Angriffskrieg" gegen den Euro und von einer "Generalmobilmachung". Sind Spekulanten schuld an der Krise?

Ferguson: Wenn ich europäische Politiker höre, dass sie gegen Märkte und Spekulanten vorgehen wollen, erinnert mich das an die 70er-Jahre, als der britische Premierminister Harold Wilson die Gnome aus Zürich für seine Währungsprobleme verantwortlich gemacht hat. Die westlichen Politiker sollten sich lieber an die eigene Nase fassen. Sie haben durch ihre Fehler zur aktuellen Krise beigetragen.

Frage: Inwiefern?

Ferguson: Man kann nicht Goldman Sachs oder Hedgefonds für alles verantwortlich machen, was in der Finanzwelt schiefläuft. Unsere Probleme haben viel mit einer falschen Geldpolitik, mit gravierenden Fehlern in der Fiskalpolitik und großen Irrtümern bei der Regulierung der Finanzmärkte zu tun.

Frage: Politiker in Europa fordern, die Politik müsse wieder das Primat über die Märkte haben. Wie kann man das erreichen?

Ferguson: Ein Weg wäre, dass Regierungen eine solide Haushaltspolitik betreiben. Man kann schwerlich die Märkte dafür verantwortlich machen, wenn die westlichen Politiker Schuldenberge auftürmen. Auch Frankreich und Deutschland haben ihre Probleme mit Defiziten. Erst Marktdisziplin bringt viele Politiker dazu, wirtschaftlich vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Frage: Aber entzieht sich die Finanzwelt nicht der politischen Kontrolle?

Ferguson: Das Gerede darüber, die Märkte unter Kontrolle zu bringen, geht an der Wirklichkeit vorbei. Staaten und Märkte haben keine feindliche Beziehung. Seit der Zeit der Medici war es eine symbiotische Beziehung, die dem Staat immer auch genützt hat. Ohne seinen Finanzsektor wäre Großbritannien zum Beispiel nie zu einer Weltmacht geworden.

Frage: Vielen Deutschen erscheinen die Finanzmärkte aber wie ein "Monster".

Ferguson: Hier zeigt sich ein gehöriges Maß an Heuchelei. Die Leute wollen die Vorteile moderner Finanzinstitute genießen. Aber wenn man ihnen dann erklärt, das hocheffiziente Finanzmärkte eben auch Krisen produzieren, sagen sie: "Das wollen wir nicht."

Frage: Lassen sich Markt und Staat überhaupt versöhnen?

Ferguson: Der falsche Weg wäre zu sagen, der Staat muss die Märkte dominieren. Das haben wir versucht, und es ist gescheitert. Besser wäre es, Adam Smith zu folgen, der bereits im Wohlstand der Nationen festgehalten hat, dass insbesondere der Finanzsektor reguliert werden muss.

Das Interview erschien am 11.05.2010 im Handelsblatt .