ZEIT ONLINE: Herr Franz, ist die Eurokrise mit der Entscheidung am Wochenende überwunden?

Wolfgang Franz : Nein, noch nicht. Das europäische Haus hat gebrannt, und die Flammen wurden gelöscht. Jetzt muss aufgeräumt werden, um zu verhindern, dass die Euro-Zone zu einer Transfergemeinschaft wird. Das kann Deutschland nicht stemmen, wir tun uns schwer, unseren innerdeutschen Finanzausgleich zu leisten.

Zudem muss verhindert werden, dass es erneut zu einer solchen Krise kommt. Die Euro-Staaten müssen sich zu einem glaubwürdigen Konsolidierungskurs bekennen. Es muss ein fester Ausgabenplan her, um die Staatsfinanzen in den Griff zu bekommen.

ZEIT ONLINE:Der Rettungsschirm war also eine richtige Entscheidung?

Franz: Es war richtig, den Brand damit zu löschen. Aber bei einigen Maßnahmen bekomme ich schon Bauchschmerzen. Die Europäische Zentralbank darf ihre politische Unabhängigkeit nicht aufgeben. Die ist in Gefahr, wenn sie auf Geheiß der Regierungen auf Dauer marode Staatsanleihen aufkauft. Es muss eine außerordentliche Ausnahme bleiben.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich ist es, dass das Geld aus dem Rettungsschirm gar nicht benötigt wird? Allein durch die mündliche Garantie der EU hat sich die Lage an den Finanzmärkten erheblich beruhigt.

Franz: Das hängt entscheidend von den Konsolidierungsprogrammen der Euro-Länder ab. Insbesondere Portugal und Spanien sind hier in einer Bringschuld. Aber ich bin überzeugt, dass die Finanzminister der EU-Staaten ganz genau hinschauen werden. Am Ende wird der deutsche Steuerzahler hoffentlich nicht zur Kasse gebeten.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, wie mancher Beobachter schon vermutet, dass die Finanzmärkte die abgegebene Garantie der EU in den kommenden Wochen austesten werden? Dass erneut gegen einzelne Länder spekuliert wird?

Franz : Ich würde an alle Beteiligten appellieren, jetzt nicht über ein mögliches Scheitern der Rettungspläne zu diskutieren. Das nährt nur den Boden der Spekulanten. Wir brauchen ein gesundes Maß an Optimismus. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass alle Anstrengungen unternommen werden und zwar erfolgreich.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass Länder wie Spanien und Portugal mit ihrer Konsolidierung die eigene Wirtschaft kaputt sparen?

Franz: Konsolidierung heißt nicht, dass sich diese Länder in eine Rezession oder gar Depression sparen. Sie sollen in den kommenden Jahren ihre Haushalte in Ordnung bringen. Das gilt ganz allgemein. Niemand verlangt von Deutschland, seine Neuverschuldung binnen eines Jahres auf Null zu reduzieren. Wir haben Zeit bis zum Jahre 2016, erst dann greift die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse.

ZEIT ONLINE: Wie können sinnvolle Sanktionsmechanismen aussehen?

Franz: Erstens: Wir brauchen einen Konsolidierungspakt, auf den sich alle Euro-Länder festlegen. Die Ausgaben müssen deutlich zurückgeführt werden. Wird gegen die vereinbarten Ziele verstoßen, greifen automatische Sanktionen. Bereits im Vorfeld vereinbarte Steuererhöhungen müssen eingeführt werden, um wieder auf den Zielpfad zu kommen. Das wäre eine sehr glaubwürdige Maßnahme.

Zweitens muss der Stabilitäts- und Wachstumspakt verschärft werden. Das erfordert Zeit, weil alle 27 Länder der EU zustimmen müssen. Aber es ist zwingend, um künftig ähnliche Krisen zu vermeiden.

Drittens brauchen wir Regeln, wie wir mit Ländern umgehen, die von einer Insolvenz bedroht sind oder sogar schon insolvent sind.

ZEIT ONLINE: Am Ende steht mehr Europa?

Franz: Ja, das hoffe ich. Ein Europa, das keine Transferunion ist und nach wie vor eine unabhängige Zentralbank besitzt.

Das Interview führte Marcus Gatzke .