ZEIT ONLINE: Herr Gros, hat die Politik die Euro-Krise noch im Griff?

Gros: Eindeutig nein. Innerhalb der europäischen Politik herrscht Verwirrung und Chaos. Weil die Politik sich nicht zu helfen weiß, spielen die Märkte verrückt.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich die Ohnmacht?

Gros:Europas Politik ist hin und hergerissen zwischen zwei Prinzipien. Das eine Prinzip lautet: Die Währungsunion ist ein Gentlemen’s Club, eine Solidargemeinschaft, die sich  bedingungslos hilft. Das ist die Währungsunion, wie sie die Franzosen sehen. Das andere Prinzip lautet: In der Währungsunion müssen gewisse Regeln gelten, und wer sie nicht befolgt, muss raus oder geht Pleite. Das ist grob gesprochen die deutsche Position. Beides zusammen schafft Unsicherheit.

ZEIT ONLINE: Hat die deutsche Kanzlerin mit ihrem Zögern die Misere verschlimmert?

Gros: Wie Angela Merkel ihre Politik präsentiert hat, war sicherlich nicht hilfreich. Ihr Einfluss aber war begrenzt. Ausgelöst wurde die Krise durch die schlechte Haushaltslage der Griechen und deren Weigerung über Wochen weitere Maßnahmen zu ergreifen – nicht durch die Kanzlerin.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Politik macht Spekulanten für das griechische Schuldenproblem verantwortlich.

Gros: Ich kann ehrlich gesagt schon mit dem Begriff Spekulation wenig anfangen. Überall auf der Welt liegen Milliarden auf Konten und Wertpapierdepots, die auf lukrative Anlagemöglichkeiten warten. Wenn der Einstieg in griechische Staatsanleihen ein so ein gutes Geschäft wäre, würde die Regierung in Athen Abnehmer finden. Aber am Markt dominiert die Ansicht: Die schaffen es einfach nicht. Wenn dem so ist, sind die hohen Zinsaufschläge gerechtfertigt.

ZEIT ONLINE: Das Motiv der Anleger ist also Angst.

Gros: Ja. Was in der öffentlichen Debatte gerne übersehen wird: Die Situation Griechenlands hat sich zuletzt tatsächlich fundamental verschlechtert. Das Land profitierte lange Zeit von einem hohen Wachstum und konnte sich billig an den Märkten refinanzieren. Jetzt kehrt sich das Verhältnis um: Das Wachstum geht gegen Null und die Zinsen steigen. Die Differenz zwischen Zinsen und Wachstum – das ist der entscheidende Faktor, der den Schneeball jetzt ins Rollen bringt. Der Effekt ist umso größer, je höher der Schuldenstand ist.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass sich andere Südländer in Europa anstecken?

Gros: Das ist doch schon Realität. Als Griechenland wackelte, wusste die Politik nicht, was sie tun soll. Jetzt schaut der Markt bereits auf Portugal. Spaniens Wirtschaft sieht besser aus, aber der dortige Bankensektor ist anfällig. Die Europäer scheinen die Gefahr noch immer zu verkennen. Dabei weiß man aus früheren Finanzkrisen: Wenn jemand Feuer schreit, bewegen sich alle zum Ausgang.

ZEIT ONLINE: Lässt sich die Währungsunion noch zusammen halten?

Gros: Das hängt davon ab, wie sich die EZB verhält. Bis vor Kurzem hätte ich noch gesagt: Wenn es zu einem ungeordneten Staatsbankrott kommt, wird ein Austritt einzelner Länder wahrscheinlich. Jetzt aber scheint es so zu sein, dass die EZB die Währungsunion auf jeden Fall zusammenhalten will. Wenn sie also auch nach einem Staatsbankrott noch griechische Staatsanleihen in ihren Refinanzierungsgeschäften akzeptiert, könnte sie das Land wohl dazu bewegen in der Währungsunion zu bleiben.