Frage: Wenn Sie die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko mit dem Unglück der Exxon Valdez vor mehr als 20 Jahren vergleichen, welche ist die schlimmere?

Phil Radford: Es wird mehr Öl ausströmen als damals in Alaska. Je nachdem, welchen Schätzungen wir Glauben schenken, sind wir jetzt schon sehr nahe dran. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen werden diesmal größer sein, weil das Öl in den Südstaaten auf breite Küstenstreifen trifft und ganze Industriezweige verwüstet.

Frage: In der Vorwoche haben Mitarbeiter Ihrer Organisation eine große Flagge vor der BP-Zentrale gehisst, mit einem gefälschten BP-Logo und der Aufschrift „British Polluters“. Werden die Aktionen von Greenpeace jetzt auffälliger?

Radford: Ziel ist nicht, unsere Organisation sichtbar zu machen. Wir haben nicht unsere großen Waffen in die Südstaaten geschickt, sondern unsere besten Leute: Reporter und Professoren aus Alaska und Amsterdam, die sich mit Ölunfällen auskennen. Ihre Stimmen waren in den Medien zu hören.

Frage: Aber Greenpeace verzichtet doch nicht auf Kampagnen?

Radford: Natürlich nicht. Unsere nächste Aktion zielt auf Shell, denn deren Pläne für Bohrungen in der Arktis sind noch viel gefährlicher als die im Golf von Mexiko. Wir werden außerdem daran arbeiten, die Beziehungen zwischen dem Weißen Haus und BP aufzudecken.

Frage: Das müssen Sie erklären. 

Radford: Es ist verwirrend, dass Washington und BP in die gleiche Kerbe hauen. Sie verbringen wertvolle Zeit zur Schadensbegrenzung, aber mehr mit Blick auf ihre eigene Reputation, weniger zur Begrenzung des Ölausflusses. Und beide Parteien betonen, dass sie weiter an die Zukunft von Tiefseebohrungen glauben. 

Frage: Washington hat angekündigt, BP die „Stiefel in den Nacken“ zu halten. Halten Sie die öffentlich ausgetragenen Differenzen nicht für echt?

Radford: Das Weiße Haus sitzt seit Wochen auf wissenschaftlichen Beweisen, wie viel Öl tatsächlich ins Meer ausströmt. Bis heute wurde keine zuverlässige Zahl publiziert. Es gibt gemeinsame Interessen von BP und dem Weißen Haus, zu vertuschen, wie schlimm es aussieht.

Frage: Früher waren Boykottaufrufe nach menschenverursachten Katastrophen erste Naturschützer-Pflicht: Weshalb hat Greenpeace bisher nicht zum Boykott gegen BP-Produkte aufgerufen?

Radford: Es geht nicht um einen Konzern, das Problem ist größer. Es geht darum, dass Ölfirmen weltweit zu viel Macht über Regierungen haben. Es geht darum, dass Tiefseebohrungen alles andere als zuverlässig sind und verboten gehören – egal, welche Firma sie unternimmt. Und es geht darum, dass wir uns aus unserer Abhängigkeit vom Öl befreien müssen. Dieses Unglück ist ein Weckruf.