Wenn ein Richter einen Verhandlungsaal betritt, müssen sich alle im Raum von ihren Plätzen erheben. So sind die Regeln. Bei Bankern dürfen die Anwesenden eigentlich sitzen bleiben.

Stefan Ortseifen steht trotzdem auf. Josef Ackermann ist gerade herein gekommen. Kerzengerade steht Ortseifen da und beobachtet den Einmarsch des Chefs der Deutschen Bank. Begleitet von Bodyguards und Mitarbeitern bahnt  sich Ackermann den Weg bis zum Saal E116 im Düsseldorfer Landgericht. Vorbei an Kameraleuten, Fotografen, Journalisten und Schaulustigen, hinein in den Raum, in dem seit knapp zwei Monaten darüber verhandelt wird, ob sich der frühere IKB-Chef Ortseifen der Kursmanipulation und Untreue schuldig gemacht hat. Als Ackermann ihn sieht, setzt er ein breites Grinsen auf. Dann reicht er ihm schließlich die Hand. Ortseifen ergreift sie und verzieht keine Miene.

Auf Antrag der Verteidiger hat das Gericht den Chef der Deutschen Bank vorgeladen. Ortseifen hatte Ackermann zu Beginn des Prozesses einen schweren Vorwurf gemacht. Nicht Managementfehler bei der IKB, sondern vor allem die Kappung der Kreditlinien im Sommer 2007 durch die Deutsche Bank hätten die IKB in eine Schieflage gebracht. Wären weiter Kredite geflossen, wäre es nicht zur Beinahepleite gekommen und der Staat hätte niemals Milliarden an Geldern einsetzen müssen, um die marode Bank zu retten.

Ein Sprecher der Deutschen Bank hatte das, gleich zu Anfang des Prozesses zurückgewiesen. Nun ist Josef Ackermann gekommen, um die Vorwürfe selbst zu entkräften. Er hat mittlerweile in der Mitte des Saals Platz genommen, seine Füße unter dem Tisch stehen nicht, sie liegen auf dem Boden. Ackermann ist ganz entspannt. Als Brigitte Koppenhöfer den Saal betritt, nickt sie ihm kurz zu. Die beiden sind alte Bekannte. Vor einigen Jahren sprach sie ihn als Vorsitzende Richterin vom Vorwurf der Untreue frei, als er sich wegen Millionenprämien bei der Übernahme von Mannesmann durch das britische Mobilfunkunternehmen Vodafone vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten musste. Nun leitet sie das Verfahren gegen Ortseifen. Ackermann hatte damals viel Kritik einstecken müssen. Um seinen Siegeswillen zu demonstrieren, hatte er mitten im Verhandlungssaal demonstrativ mit seinen Händen ein Siegeszeichen geformt und in die Linsen der Fotografen gehalten. Die Bilder gingen um die Welt. Nun sitzt er wieder vor Koppenhöfer, diesmal als Zeuge. Seine Hände liegen auf der Tischplatte.

Auf den ersten Blick geht es heute nur um eine Nebensache. Ortseifen steht gar nicht wegen möglicher Managementfehler vor Gericht, die nun verhandelt werden. Dennoch findet der Prozess viel Beachtung. Es ist das erste Mal, dass Teile der Finanzkrise bei einem Strafverfahren aufgearbeitet werden. Auch deshalb ist das Interesse an Ackermanns Aussage groß. Die Zuschauerbänke sind bis auf den letzten Platz gefüllt.

Der Hauptvorwurf gegen Ortseifen  – die Kursmanipulation – hat vor allem mit einer Pressemitteilung zu tun, die die IKB kurz vor ihrem Zusammenbruch veröffentlicht hatte. Die US-Hypothekenkrise habe "praktisch keine Auswirkungen" auf das IKB-Geschäft, hieß es darin, man sei sehr gut ins Jahr gestartet, lediglich mit einer Million US-Dollar sei die Bank auf dem amerikanischen Kreditmarkt aktiv. Doch wenige Tage später stellte sich heraus, dass das Unternehmen über die ausgegliederte Tochtergesellschaft Rheinland-Funding in Wirklichkeit mit vielen Milliarden mittendrin steckte. Über 170 Millionen US-Dollar hatte der Fund verloren. Das Gericht will klären, ob Ortseifen in seiner Pressemitteilung bewusst Informationen weggelassen hat, um die Aktionäre zu beruhigen.