Die Stunde der Verführer – Seite 1

Richard Thaler hat den Draht nach oben. Der 64-Jährige ist einer der weltweit führenden Verhaltensökonomen – neuerdings berät er auch die Wirtschaftsexperten des mächtigsten Mannes der Welt, US-Präsident Barack Obama. Auch die britischen Konservativen, die in London die neue Regierung führen, haben dem Professor der Universität von Chicago einen Beraterposten versprochen.

Thaler steht an der Spitze einer wirtschaftspolitischen Revolution. 20 Jahre lang haben verhaltensorientierte Volkswirte die ökonomische Theorie vom Kopf auf die Füße gestellt. Jetzt nehmen sie sich die praktische Wirtschaftspolitik vor.

Sie sind überzeugt: Die bisherigen Politikempfehlungen von Volkswirten basierten wie die alte ökonomische Theorie auf einem falschen Menschenbild – und seien daher oft fehlgeleitet. "In den nächsten Jahren werden die Erkenntnisse verhaltensorientierter Wirtschaftsforscher die Wirtschaftspolitik entscheidend beeinflussen", ist James Poterba überzeugt, Direktor des einflussreichen National Bureau of Economic Research.

Traditionelle Ökonomen sehen den Menschen als "Homo oeconomicus" – als ein Individuum, das nur an sich selbst denkt, vollständig rational handelt und stets seinen eigenen Nutzen maximiert. Das suggeriere, dass jeder Mensch "wie Albert Einstein denkt, Informationen wie IBMs Supercomputer Deep Blue speichert und eine Willenskraft hat wie Mahatma Gandhi", spottet Thaler. Aus diesem Menschenbild leitet sich eine Wirtschaftspolitik ab, die sich am Egoismus der Menschen orientiert und für jeden Einzelnen so viel Entscheidungsspielraum wie möglich postuliert.

In Tausenden von Laborexperimenten und Feldstudien haben empirisch arbeitende Ökonomen in den vergangenen Jahrzehnten aber festgestellt: Der reale Mensch ist kein "Homo oeconomicus". Wir irren uns häufig, sind leicht zu beeinflussen und treffen oft objektiv falsche Entscheidungen. Wir entscheiden auf der Basis schwammiger Faustregeln, überschätzen unsere Fähigkeiten, werden aus Verlustangst träge und hängen am Status quo. Und es fehlt uns oft an Selbstkontrolle, etwa beim Einsatz von Kreditkarten. Zudem legen wir großen Wert auf Fairness und neigen dazu, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher postulieren daher eine grundlegend andere Wirtschaftspolitik. Zwar lehnen sie – ähnlich wie klassische liberale Ökonomen – eine direkte Bevormundung des Einzelnen durch den Staat ab. Sie sprechen sich aber für sanften Druck aus, mit dem der Staat die Menschen in die richtige Richtung leitet, ihnen gleichzeitig aber die Option lässt, sich anders zu entscheiden, wenn sie es wollen.

"Nudge" ("Anstupsen") hat Thaler dieses Politikkonzept zusammen mit seinem Coautor Cass Sunstein im gleichnamigen Buch getauft. "Private Institutionen, Behörden und Regierungen versuchen dabei, die Entscheidungen der Menschen so zu lenken, dass sie hinterher besser dastehen." Ein anderer Begriff, der den neuen Politikansatz charakterisiert, ist "sanfter Paternalismus". 

 

Aber was bedeutet das konkret? Das intuitiv eingängigste Beispiel stammt aus der privaten Altersvorsorge. In den USA bezuschussen viele Unternehmen die Rentenversicherungen ihrer Mitarbeiter – traditionell jedoch nur dann, wenn der Beschäftigte sich selbst aktiv darum gekümmert hat, solch eine Versicherung abzuschließen ("opting in").

Viele Beschäftigte aber verbummeln es einfach, die Formulare für den privaten Rentensparplan ihres Unternehmens auszufüllen. Daher ist die Beteiligung an solchen Programmen in der Regel gering. Verhaltensorientierte Ökonomen empfehlen, von "opting in" auf "opting out" umzustellen. Dann würde jeder neue Beschäftigte automatisch eine solche Altersvorsorge-Versicherung bekommen – es sei denn, er entscheidet sich bewusst dagegen.

Zahlreiche empirische Beispiele zeigen: Die Beteiligung an der Altersvorsorge steigt drastisch an, ohne dass – wie bei einem "Zwangssparen" – die Wahlfreiheit des Einzelnen ernsthaft eingeschränkt wurde. 2006 hat der US-Kongress das "opting out" bei der staatlichen Förderung privater Altersvorsorge vorgeschrieben.

Ein ähnliches Beispiel gibt es für Organspender. In Deutschland müssen Bürger ausdrücklich erklären, dass sie als Organspender zur Verfügung stehen. Nur die wenigsten aber machen sich diese Mühe. In Österreich dagegen geht man davon aus, dass alle Bürger zur Spende bereit sind, Widerspruch ist problemlos möglich. Folge: In Österreich werden deutlich mehr Organe gespendet als in der Bundesrepublik.

Selbst die Steuermoral lässt sich mit der "Nudge"-Strategie erhöhen, zeigt ein Feldversuch im US-Bundesstaat Minnesota. Die Behörden verschickten verschiedene Infobriefe an säumige Steuerzahler. Einige informierten sie über die Verwendung der Gelder, andere über die Strafen für Steuerhinterzieher, wieder anderen boten sie Hilfe beim Ausfüllen der Steuerformulare an.

Einer vierten Gruppe teilte das Finanzamt lediglich mit, dass 90 Prozent der Bürger ihre Steuern bereits ordnungsgemäß und vollständig bezahlt hätten. Nur dieses letzte Schreiben, das indirekt an das Fairness-Bedürfnis der Menschen appellierte, hatte einen messbaren Effekt auf die Zahlungsmoral. 

 

Die emotionale Reaktion von Menschen auf Lohn-, Preis- oder Steueränderungen ist eines der ganz großen Themen für verhaltensorientierte Wirtschaftspolitik. In der traditionellen Ökonomie war für Gefühle kein Platz. "Konsumenten, die Preiserhöhungen hinnehmen müssen, reagieren jedoch oft mit großem Ärger, wenn sie den Eindruck haben, dass sie ausgenutzt werden", schreibt ein Forscherteam um den US-Notenbank-Ökonomen Christopher Foote. Das Gleiche gelte für Arbeitnehmer, die Lohnkürzungen hinnehmen müssten. "Solche Gefühle erklären möglicherweise die große Unterstützung für Gesetze, die Ökonomen für wirtschaftlich ineffizient halten, zum Beispiel Preisobergrenzen und Mindestlöhne."

Mit Blick auf einen anderen Aspekt der Steuerpolitik macht sich der Staat die menschlichen Schwächen womöglich schon lange bewusst oder unbewusst zunutze. Diese These stellt Joel Slemrod von der Universität Michigan in einer jüngst veröffentlichten Studie auf. "Politiker haben einen Anreiz und oft das Talent, von den Verhaltensmarotten und Wahrnehmungsgrenzen der Wähler zu profitieren", so Slemrod.

Womöglich seien die Steuersysteme in den Industrieländern bewusst kompliziert konstruiert, um die gefühlte Steuerbelastung bei den Bürgern zu reduzieren. Menschen neigten dazu, die Gesamtbelastung zu unterschätzen, wenn sie auf mehrere Quellen aufgeteilt sei. Agiert der Staat also wie ein Mobilfunkunternehmen, das seine Tarifstruktur bewusst komplex gestaltet, um seine Umsätze in die Höhe zu treiben?

Ein radikales Umdenken hat auch in der Finanzmarktpolitik begonnen – vor allem mit Blick auf den Anlegerschutz. Schließlich hat die Finanzkrise bestätigt, was verhaltensorientierte Ökonomen schon lange postuliert hatten: Gerade bei der Geldanlage fehlt den Menschen oft die Kompetenz, die Volkswirte traditionell unterstellen. Die Folge: Mehr und detailliertere Informationen über Finanzprodukte führen keineswegs automatisch dazu, dass Menschen richtige Anlageentscheidungen treffen.

Selbst Akademiker, die überdurchschnittlich intelligent sind, viel über Finanzmärkte wissen und etliche Jahre Erfahrung an den Börsen haben, treffen oft systematisch falsche Entscheidungen – auch dann, wenn sie leicht zugängliche und sehr verständlich aufbereitete Informationen über die Finanzprodukte haben, haben die US-Ökonomen James Choi, David Laibson und Brigitte Madrian in einer Serie von Experimenten gezeigt.

Wo aber genau verläuft in der Wirtschaftspolitik die Grenze zwischen „hartem“ und „sanftem“ Paternalismus? Theoretisch kann der Staat die Bürger unbegrenzt an die Hand nehmen, „um ihr Leben länger, gesünder und besser zu machen“, wie die "Nudge"-Autoren Thaler und Sunstein versprechen. Selbst die beiden Wissenschaftler sind sich aber der Risiken und Gefahren dieses Politikansatzes bewusst: Es sei schwer zu entscheiden, "wo aus einem kleinen Schubs ein Stoß wird" – oder gar die totale Bevormundung.

Der Artikel erschien am 17. Mai 2010 im Handelsblatt .