Holland rottet vor sich hin. Vor zehn Jahren blühten hier noch Tulpen, ein paar Etagen höher drehten sich die Windräder. Der 40 Meter hohe Turm, den die Niederlande zur Expo 2000 in Hannover bauten, war mit seinen gestapelten Landschaften einer der Publikumsrenner bei der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden.

Heute ist Holland in Not. Mit einem Metallzaun abgesperrt, baufällig. „Ein Trauerspiel“, findet Wolfgang Schneider, Präsident der niedersächsischen Architektenkammer. Studenten sind über den Zaun hoch auf den Turm geklettert. Es ist zugig oben, doch von dort bietet sich der beste Überblick über das, was geblieben ist von der Expo.

„Nachhaltigkeit“ war der Leitgedanke - ein sperriger und damals neuer Begriff. Zum ersten Mal war eine Expo keine pure Leistungsschau der Nationen. Im Mittelpunkt stand das gemeinsame Nachdenken darüber, dass die Ressourcen auf der Erde nicht unendlich sind und dass alles Handeln Konsequenzen für die nächsten Generationen hat. Für die Schau selber sollte das heißen: Wenn die Party zu Ende ist, muss aufgeräumt werden, damit das benutzte Fleckchen Erde weiter bewohnbar ist.

Doch was tun nach den fünf Monaten Expo mit all den tollen Gebäuden, mit der Seilbahn, den orientalischen Palästen? Viele Länder bauten ihre Pavillons ab und daheim wieder auf, Portugal etwa oder Irland. „60 Prozent der Expo fand auf dem Messe-Gelände statt, da ist die Nachnutzung der Gebäude garantiert“, sagt Hannovers damaliger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Insgesamt soll es laut offiziellen Zahlen eine Nachnutzungsquote von 85 Prozent geben.

Heute wirkt das Expo-Gelände im Osten wie ein durchschnittliches Gewerbegebiet. Klar gibt es Sahnehäubchen, Finnland mit seinem Birkenwald etwa ist super in Schuss, dort residiert eine Design- und Messebaufirma. In Belgien hat Mousse T. ein Tonstudio eingerichtet, in dem die Größen der Branche ihre Songs aufnehmen. „Es geht langsam voran. Aber es geht voran“, sagt der Musiker.

Der Pavillon der Franzosen beherbergt ein Autohaus, auch Möbelläden gibt es, doch auch viele Wechsel in den vergangenen Jahren und Rechtsstreits um einzelne Gebäude. Im „Großen Wal“ im Süden ist jetzt ein christliches Zentrum untergebracht. Im Deutschen Pavillon finden hin und wieder Veranstaltungen statt, und in die ehemaligen Expo-Verwaltungsgebäude ist die Fachhochschule eingezogen. 2000 junge Leute studieren hier und bringen Leben auf das Gelände. Auch ein kleines Expo-Museum gibt es, wo Ehrenamtliche arbeiten. „Wenn wir nicht mehr wären, würde das Expo-Erbe wohl kaum noch so gepflegt“, sagt dort Eckhard Wähler. 

 

Vor zehn Jahren waren die Ansprüche der Macher der Weltausstellung groß. Doch es gelang ihnen am Anfang nicht, die Schau zu vermarkten und die Expo als nationale Veranstaltung ins deutsche Bewusstsein zu bringen. In der öffentlichen Wahrnehmung dominierte die Debatte über niedrige Besucherzahlen und hohe Eintritts-Preise.

„Es wurde völlig unterschätzt, dass ein Event dieses Typs in einem Land, in dem es zuvor noch nie eine Weltausstellung gegeben hatte, kein Selbstläufer ist. Die Expo war im Gegensatz zur Fußball-WM erklärungsbedürftig und emotional im breiten Publikum nicht verankert“, sagt Arno Brandt von der NORD/LB, der die Nachwirkungen der Expo untersuchte.

Die Fixierung auf das Ziel, keine Schulden zu hinterlassen, war ein Kardinalfehler. „Am Ende mehr als kontraproduktiv“, resümiert Ökonom Brandt. Es blieben 1,1 Mrd. Euro Schulden für den Steuerzahler, die noch immer nicht getilgt sind. Expo-Chefin Birgit Breuel (72) stand wegen der Kosten-Debatte wochenlang im Kreuzfeuer der Kritik. Heute möchte sie öffentlich nicht mehr Stellung nehmen, selbst zum offiziellen Festakt am 1. Juni kommt sie wohl nicht.

Wie misst sich der Erfolg einer Weltausstellung? „Nicht zuletzt an der Zufriedenheit der Gäste“, betont Rainer Ertel vom Institut für Wirtschaftsforschung in Hannover, der ebenfalls die Expo-Folgen untersuchte. Langfristig profitiert haben von der Expo 2000 vor allem Hannover und das Umland. Die Touristenzahlen steigen stetig, Airport und Nahverkehr wurden ausgebaut, das Image der Stadt ist bunter.

Dennoch, ein Rundgang über das Gelände zehn Jahre danach deprimiert. Die Türkei steht leer, Litauens gelber Guckkasten ist vernagelt, Polen beherbergte ein asiatisches Restaurant, das vor Jahren ausbrannte. Nur oben auf dem Dach von Holland träumt man weiter, mal von einer Shrimpszucht, zuletzt sollten im Pavillon Holzpellets zum Heizen hergestellt werden. „Ich mach mir da keine Sorgen. Das Gelände ist das Filetstück von Hannover“, sagt Nachbar Mousse T.