ZEIT ONLINE: Herr Gebhardt, reicht das von Schwarz-Gelb Beschlossene aus, um den Haushalt zu sanieren?

Heinz Gebhardt: Es ist ein Anfang. Die Bundesregierung muss bis zum Jahr 2016 rund 50 Milliarden Euro strukturell einsparen, um die Schuldenbremse im Grundgesetz einzuhalten. Setzt sie um, was sie nun angekündigt hat, bleiben rund 20 Milliarden Euro übrig, die eingespart werden müssen. Die Sparbeschlüsse sind ein Signal, dass die hohe Neuverschuldung des Bundes zurückgeführt werden soll. Das ist zu begrüßen.

ZEIT ONLINE: Warum sind es eigentlich nur noch 50 Milliarden, statt der bislang angepeilten 56,5 Milliarden Euro?

Gebhardt: Das liegt vor allem daran, dass der Arbeitsmarkt so erstaunlich gut läuft. Deshalb muss der Bund der Bundesagentur für Arbeit in diesem Jahr einen weitaus geringeren Zuschuss überweisen als ursprünglich geplant.

ZEIT ONLINE: Dennoch geht es jetzt auch darum, die krisenbedingten Schulden abzutragen. Wodurch ist das strukturelle Defizit in den vergangenen Jahren gewachsen?

Gebhardt: Zwei Faktoren waren entscheidend. Zum einen hat die Regierung mit den beiden Konjunkturprogrammen und dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz die Steuern gesenkt und das Kindergeld erhöht. Zum anderen wird das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft geringer eingeschätzt.

ZEIT ONLINE: Die schwarz-gelbe Regierung spricht von einem "einmaligen Kraftakt". Wie einmalig ist das Sparpaket wirklich in der Geschichte der Bundesrepublik?

Gebhardt: Man sollte den Umfang von Konsolidierungsprogrammen immer ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzen. Dann zeigt sich: Die christlich-liberale Regierung Helmut Kohls hat Anfang der achtziger Jahre stärker konsolidiert, als es die heutige Koalition tut. Damals wurden die öffentlichen Haushalte durch die Operation '82 und die Begleitgesetze 1983 und 1984 um drei Prozent des BIP entlastet. Das jetzige Paket wird im Jahr 2014 bei 1,2 Prozent des BIP liegen. Und dabei sind die bislang noch unklaren Teile des Pakets bereits eingerechnet.

ZEIT ONLINE: Warum musste Kohl damals noch mal so hart sparen?

Gebhardt: Die Bundesrepublik war Anfang der achtziger Jahre in eine schwere Beschäftigungskrise geraten, das Wachstum war schwach. Die Regierung Kohl reagierte nach ihrem Amtsantritt nicht mit weiteren Konjunkturpaketen, sondern schwenkte auf einen Konsolidierungskurs ein. Gemessen an der Wirtschaftsleistung wurden im Jahr 1984 die Staatsausgaben um zwei Prozentpunkte gekürzt und die Staatseinnahmen um einen Prozentpunkt erhöht.

ZEIT ONLINE: Wenn die schwarz-gelbe Regierung schon nicht "einmalig" spart, tut sie es wenigstens klug?

Gebhardt: Es ist positiv, dass sich die Einsparungen auf die konsumtiven Staatsausgaben beschränken, und dass die Ausgaben für Bildung, Forschung und Infrastrukturausbau von Kürzungen verschont bleiben. Das hilft, neues Wachstum zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Die Regierung erhöht indirekt auch die Steuern für die Industrie.

Gebhardt: Ein großer Teil dieser Belastungen muss am Ende von den privaten Haushalten getragen werden. Die Luftfahrtindustrie wird die geplante Luftfahrtabgabe wohl auf ihre Kunden abwälzen. Auch die Bankenabgabe dürfte auf die Kunden überwälzt werden.