Bei einer derartigen Hängepartie, wie sie der internationale Klimaschutz im Moment darstellt, gewinnen Stimmen an Plausibilität, die eine grundsätzlich andere Herangehensweise empfehlen – so wie jüngst Oliver Geden hier auf ZEIT ONLINE (Die Klimapolitik braucht einen Plan B). Er empfiehlt, etwas flapsig formuliert, kleinere Brötchen zu backen: Das 2-Grad-Ziel aufzugeben und auf eine "schnellstmögliche und kontinuierliche Dekarbonisierung" der EU zu setzen. Damit würden den USA und China die Vorteile bewiesen, die daraufhin aus Eigennutz den gleichen Weg einschlagen würden.

Natürlich ist es sinnvoll, Strategien zur Abwehr von Gefahren regelmäßig zu prüfen – schon gar wenn es um den Bestand unserer Zivilisation geht, so wie wir sie kennen. Und das gilt umso mehr, bei Rückschlägen der bisher verfolgten Strategie, also nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen und der nicht unwahrscheinlichen Ergebnislosigkeit des Gipfels in Cancun, Mexiko, gegen Ende dieses Jahres.

Aber man muss bei aller legitimen Prüfung auch zusehen, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet. Das gilt zunächst für das 2-Grad-Ziel der Europäischen Union. Vielleicht wird die Bedeutung dieses Ziels durch ein Beispiel plastischer: Wenn mit Sicherheit feststeht, dass ein Fluss bei den nächsten großen Regenfällen einen bestimmten Pegelstand erreichen wird, dann wird jede verantwortlich handelnde Regierung dafür sorgen, dass die Dämme auf mindestens diese Höhe aufgestockt werden.  

Und sollte die Gefahr bestehen, dass der Damm nicht rechtzeitig fertig ist, wird man es dennoch versuchen. Zumal – anders als im Dammbeispiel – den von zukünftigen Klimawandel betroffenen Menschen im Schadensfall nicht die Umsiedlung auf höher liegende Gebiete empfohlen werden kann – denn wir haben nur diesen einen Planeten.

Nun ist das Ziel, die globale Erwärmung im Mittel auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen, schon für sich genommen ein eher niedriger Wert. Es ist ein Kompromiss zwischen dem wissenschaftlich erforderlichen und dem ökonomisch verkraftbaren. Umso wichtiger, dass zumindest dieses Minimalziel mit aller Kraft angestrebt wird.

Die Empfehlung, dieses Ziel auf zugeben, verkennt die große Relevanz einer solchen Zielmarke für staatliches Handeln. Es ist doch kein Zufall, dass eine Einigung darüber so schwer zu erreichen war, selbst in der EU. Wenn man auf die Rationalität von Politik setzt, dann weisen Zielmarken den Weg für konkrete Politikmaßnahmen, dann muss und wird staatliches Handeln sich auch daran ausrichten.

Denn eine der Barrieren für erfolgreiche Klimapolitik ist doch, dass sie ein Handeln auf vielen Ebenen und durch viele Ministerien und Generaldirektionen im Falle der Union erfordert: Wirtschaft, Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Bauen, um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Gemengelage an Institutionen und Interessen ist nur durch ein übergeordnetes Ziel auf eine Linie zu bringen.