Frage: Professor Krugman, Europa und Amerika streiten über die richtige Wirtschaftspolitik. Sind das nur Nuancen, oder prallen jetzt die deutsche Stabilitätskultur und der unbekümmerte Wachstumsglaube der USA voll aufeinander?

Paul Krugman: In normalen Zeiten hat die deutsche Stabilitätskultur etwas für sich, aber wir leben nicht in normalen Zeiten. Es gibt hier Unterschiede, die über ökonomische Beurteilungen hinausgehen, es geht wohl wirklich um kulturelle Differenzen. Die Deutschen und Franzosen hassen es, auch nur kurzfristig Defizite hinzunehmen, sie hassen eine lockere Geldpolitik, klammern sich an jeden Vorwand, um dagegen zu sein. Wir Amerikaner sehen das ganz anders.

Frage: Aber auch Deutschland akzeptiert doch Defizite, die Quote liegt bei fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Krugman: Aus amerikanischer Sicht sind das keine großen Defizite. Wir würden gerne mehr sehen. Ich habe kein Problem damit, dass man in fünf oder zehn Jahren versucht, den Haushalt auszugleichen. Die Frage ist doch, ob man damit beginnen soll, wenn die Wirtschaft sieben oder acht Prozentpunkte unter ihrer normalen Auslastung liegt und die Leitzinsen bei null stehen. Ich bin gerne ein fiskalpolitischer Falke, wenn wir aus der aktuellen Depressionsfalle heraus sind. Jetzt ist nicht die Zeit, um sich über Defizite Sorgen zu machen.

Frage: Damit stehen Sie ziemlich allein. Alle großen internationalen Organisationen wie der IWF und die OECD empfehlen, unverzüglich mit dem Sparen zu beginnen.

Krugman: Sehen Sie sich den letzten OECD-Bericht an. Der empfiehlt Zinserhöhungen, obwohl Deflation heute eine größere Gefahr darstellt als Inflation. Das ist verrückt. Kürzlich hat die Europäische Zentralbank (EZB) sogar behauptet, dass eine restriktive Fiskalpolitik das Wachstum befördern könne. Die Beispiele, auf die sich die EZB dabei stützt, belegen das allerdings überhaupt nicht.

Frage: Neben Konjunkturprogrammen fordern Sie von den Europäern eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Warum?

Krugman: Die EZB sollte deutlich flexibler und aggressiver werden. Die konservative Geldpolitik ist hauptsächlich deutschen Empfindlichkeiten geschuldet.

Frage: Wäre Axel Weber dann der richtige EZB-Präsident?

Krugman: Nein. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich. Aber er wehrt sich ja selbst gegen die moderaten Käufe von Staatsanleihen durch die EZB. Weber macht sich Sorgen über Inflation, wenn es keine Inflation gibt. Ich würde lieber einen EZB-Präsidenten sehen, der Deflationsgefahren und dem Risiko einer langen Stagnation mehr Bedeutung beimisst.

Frage: Aber wäre Weber nicht der ideale Kandidat, um im Sinne des Maastrichter Vertrags in der Euro-Zone für Preisstabilität zu sorgen?

Krugman: Das glaube ich nicht. Preisstabilität bedeutet eben auch, Deflationsgefahren entgegenzutreten. Wenn die Deflation erst einmal da ist, kann man den Abwärtstrend nur sehr schwer umkehren. Es war ein Fehler, im Maastrichter Vertrag ausschließlich das Ziel der Preisstabilität festzuschreiben und diese hinterher mit einer sehr niedrigen Inflationsrate zwischen ein und zwei Prozent zu definieren.