Wie die Kurzarbeit Jobs gerettet hat

Es passt nicht, haben sie gesagt, aber Civan Erdemensinli hat ihnen nicht geglaubt. Er sitzt am Steuer seines kleinen Gabelstaplers. Auf der Tragfläche stehen fünf Kisten. Eine Rampe führt aus dem Lager direkt auf den Innenhof. Dort steht ein großer Lastwagen, die Tür zur Ladefläche weit geöffnet. "Es passt schon", sagt Erdemensinli und setzt sich in Bewegung. "Es hat immer gepasst."

Sechzehn Jahre arbeitet er nun schon im Werk des Automobilzulieferers Proseat in Espelkamp und hat in dieser Zeit schon so manche Palette verladen. Optimistisch ist er immer geblieben – ob es nun um den verbleibenden Platz im Lkw oder seinen Arbeitsplatz geht. Selbst im vergangenen Sommer, als Proseat die Kurzarbeit einführte. "Ich wusste immer, dass wir das schaffen", sagt Erdemensinli. Am Ende sollte er Recht behalten. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.

Die Zahl der Kurzarbeiter geht zurück. Im Mai 2009 waren es noch mehr als eine Millionen, ein Jahr später 830.000. Im gleichen Zeitraum sank auch die Arbeitslosigkeit, wenn auch nur leicht. Die Konjunktur erholt sich und die Unternehmen stellen langsam sogar wieder ein. Die von vielen Wirtschaftswissenschaftlern prognostizierte Massenarbeitslosigkeit als Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise ist ausgeblieben und das alles dank einer Entscheidung der alten Bundesregierung im Jahr 2009, die Kurzarbeit deutlich zu verlängern.

Fast jede Geschichte hat auch einen traurigen Teil und dieser hier spielt wenige Monate vor der Verlängerung der Kurzarbeit, im November 2008, spätnachts im Personalbüro auf dem Proseat-Werksgelände. Ein unscheinbarer Raum. Die Wände sind dünn, so als wären sie aus Pappmaschee. Die Tür besteht aus milchigem Glas. Hier beginnen Karrieren und hier enden sie. Drei Menschen sitzen um einen Schreibtisch herum: Der Personalleiter Manuel Tellke, ein Betriebsrat und ein Produktionsleiter. Sie sind so etwas wie ein Tribunal, wie die Jury in einem Talentwettbewerb. Nur dass sie nicht nach Gesangsqualität, sondern Sozialkriterien entscheiden und der Hauptgewinn kein Plattenvertrag, sondern die Kündigung ist.

Der Personalchef und seine beiden Kollegen sind in die Firma gekommen, um mit den Mitarbeitern aus der Spätschicht zu sprechen, für die es hier im Unternehmen bis auf weiteres keine Zukunft mehr gibt. Am Ende müssen 25 von etwas mehr als 340 Beschäftigten gehen. "Ich habe mir bei jedem vorher Gedanken gemacht, was für ein Schicksal dahinter steckt", erinnert sich Tellke heute. "Aber wir konnten es drehen und wenden, wie wir wollten. Mit dem starken Rückgang der Volumen mussten wir auch eine Anpassung bei der Belegschaft vornehmen. Halten konnten wir die Mitarbeiter nicht, da wir mit ihnen die Kriterien der Kurzarbeit nicht erfüllt hätten." 

 

Denn die waren bis dato alles andere als lasch. Gewährt wurde das Kurzarbeitergeld nur, wenn für die Firmen absehbar war, dass es in sechs Monaten wieder aufwärts ging. War das nicht der Fall, mussten die Unternehmen selbst sehen wie sie klar kamen. Erfüllten sie die Kriterien, durften die Arbeitgeber für diesen Zeitraum die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter verkürzen und somit Lohnkosten einsparen. Einen Teil der Gehaltseinbußen zahlte die Arbeitsagentur – das Kurzarbeitergeld –, den anderen mussten die Beschäftigten selbst tragen. "Für uns war klar: Auch in sechs Monaten hätten wir noch nicht wieder genug Arbeit, um alle Beschäftigten halten zu können", erinnert sich Tellke. Für die 25 Beschäftigten kam jede Hilfe zu spät. Sie wurden entlassen.

Um das in Zukunft zu verhindern und weil immer mehr Firmen in Bedrängnis gerieten, entschied sich die Bundesregierung 2009 für eine Ausweitung der Kurzarbeit. Alle Anforderungen blieben gleich, nur die Dauer wurde auf 24 Monate verlängert. Indirekt wurden dadurch auch die Prüfkriterien aufgeweicht. Denn niemand konnte absehen oder ausschließen, dass sich ein Unternehmen in zwei Jahren wieder fangen würde.

In der Folge ging die Zahl der Anträge sprunghaft in die Höhe. Eine riskante Entscheidung. Es hätte theoretisch auch anders kommen können, doch aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Die wohl schwerste Wirtschaftskrise nach dem zweiten Weltkrieg ist bislang am Arbeitsmarkt nahezu spurlos vorbei gegangen. Hätte die Regierung nicht gehandelt, wäre es in Espelkamp zu weiteren Entlassungen gekommen.

Proseat ist ein Automobilzulieferer. Er produziert Sitzschaum und das in großem Stil. Die Mitarbeiter mischen ihn vorher als Flüssigkeit an und lassen ihn anschließend in große Formen laufen, die aussehen wie Waffeleisen. Wenn sie sich schließen, entsteht in ihrer Mitte die Basis für einen Autositz. Proseat hat mehrere Standorte, in Espelkamp stellen die Mitarbeiter unter anderem Teile für den VW Passat, den Golf oder den Audi A1 her.

Bis zum Juni des vergangenen Jahres gehörte auch der Ford Fiesta dazu. Aber dann brach der Auftrag weg und zwei der sieben Waffeleisen standen still. Schon wieder waren über 20 Arbeitsplätze gefährdet. "Wären auch hier betriebsbedingte Kündigungen der letzte Ausweg gewesen, hätte es sich juristisch aufgrund unserer Betriebsgröße um Massenentlassungen gehandelt", erinnert sich Manuel Tellke. Doch diesmal gab es Hoffnung.

 

"Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon Zusagen, dass unser Werk im Sommer 2010 viel stärker ausgelastet sein würde als damals", sagt der Personalleiter. "Solche Verträge werden meist sehr langfristig vereinbart." Innerhalb eines Jahres würden sie ihre Produktion um ein Drittel vergrößern, statt 30.000 mehr als 40.000 Teile herstellen. Besserung war absehbar. Für die Firma eine schwierige Situation. "Hätten wir die Mitarbeiter neu eingestellt, hätten wir sie einarbeiten müssen", sagt Telke. "Das dauert bei uns aber bis zu drei Monate." Also beantragte Proseat die Kurzarbeit in Espelkamp.

Für Civan Erdemenseli war das keine völlig neue Erfahrung. Kurzarbeit hatte er schon einmal mitgemacht, wenn auch unter ganz anderen Bedingungen. "Beim ersten Mal habe ich mir schon Sorgen gemacht, wie es weiter geht. Aber diesmal war ich deutlich gelassener", sagt er. "Das ging eigentlich allen hier so. Wir haben lieber nach oben und nach vorne geblickt, statt uns Sorgen zu machen."

Das liegt auch daran, dass die Beschäftigten in Espelkamp die Lasten untereinander aufteilten. In manchen Betrieben werden nur einzelne Abteilungen in Kurzarbeit gesetzt, hier aber lief es anders. Für den Zeitraum eines Jahres mussten jeden Monat 60 der verbliebenen 300 Beschäftigten kurzarbeiten. "Damit es nicht zu ungerecht verteilt ist, haben wir jeden Monat rotiert", sagt Detlef Spreen, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Die Belegschaft stand zusammen. Niemand sollte mehr leiden als andere.

Es klingt wie ein modernes Märchen, aber es ist die Wirklichkeit. Ende des Monats läuft die Kurzarbeit aus und die Geschäfte laufen sogar so gut, dass die Firma 30 neue Mitarbeiter will. Darunter auch einige, die im November 2008 ihren Job verloren haben. Dafür verzichtete jeder Beschäftigte bei Proseat im Endeffekt auf etwa 400 Euro, nicht mehr als 35 Euro pro Monat. Wenn Civan Erdemensili daran denkt, dann lächelt er. "Ein paar Mal nicht mit den Kindern zu McDonalds zu gehen und dafür seinen Job behalten: Ich finde, das ist ein fairer Preis", sagt er. "Am Ende hat eben alles gepasst."