Von der Patientin zur Lobbyistin

Der Wendepunkt in ihrem Leben kam im Jahr 2004. Elsbeth Rütten wurde krank und musste am Fuß operiert werden. Die jahrzehntelange schwere körperliche Arbeit als Krankenschwester hatte Spuren an ihrem Körper hinterlassen, Knochen mussten neu aufgebaut werden. Nach einem so schweren Eingriff steht normalerweise ein langer Krankenhausaufenthalt an – gerade bei älteren Menschen wie Elsbeth Rütten.

Die Rentnerin wurde aber schon nach wenigen Tagen wieder entlassen. Der Grund: Seit 2004 wird im Gesundheitswesen nach sogenannten Fallpauschalen abgerechnet. Der Schweregrad einer Erkrankung bestimmt, welche Summe für einen Patienten zur Verfügung steht. Lange stationäre Behandlungen lohnen sich nicht mehr. Je schneller ein Patient entlassen wird, desto mehr Geld bleibt für das Krankenhaus.
 

"Ich hab nicht schlecht gestaunt, als ich rasch nach der OP wieder entlassen wurde", sagt die rüstige Rentnerin und reicht zur Begrüßung Kaffee und Tee. "Dabei musste ich drei Monate liegen." Wer sollte sich um sie kümmern? Wie sollte sie vom Bett zur Toilette kommen? Wer sollte einkaufen, wer die Wäsche machen?

Elsbeth Rütten fragte nach einer Haushaltshilfe und nahm an, dass es dafür Zuschüsse von der gesetzlichen Krankenkasse geben würde. Die Antwort der Kasse kam prompt: falsche Krankheit, falscher Zeitpunkt. Finanzielle Unterstützung gibt es nicht. Ein Albtraum für die alleinstehende Frau. "Ich habe zwar liebe Freundinnen, aber die können mich doch keine drei Monate lang pflegen", erzählt sie. "Meine Rente hätte nicht gereicht, die häusliche Pflege privat zu finanzieren."

Aber irgendwie musste es ja weitergehen. Also bezahlte sie eine Freundin, die ihr die Wohnung putzte, eine andere kaufte ein. Sie bestellte sich Essen auf Rädern. Aber sie stand viel zu früh wieder auf. Die Folge: Eine zweite Operation wurde nötig. "Ich bin als Drehtürpatientin in die Klinik zurückgekehrt", sagt sie heute.

"Den Menschen das Thema näherbringen" Gründerin des Vereins "Ambulante Versorgungslücke" Elsbeth Rütten zur Bedeutung des Internets für ihre Arbeit

Elsbeth Rütten fasste einen Entschluss: "So etwas darf ich mir nicht gefallen lassen." Die Seniorin aus Bremen gründete die Patienteninitiative Ambulante Versorgungslücke . Das Ziel: Alleinstehende Patienten sollen nach einem Krankenhausaufenthalt ambulante Pflegeleistungen und Haushaltshilfen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt bekommen.

Wenn man sich die Seniorin anschaut, denkt man eher an die nette Großmutter von nebenan. Elsbeth Rütten hat kurze braune Haare, ein freundliches, offenes Gesicht und lacht viel. Aber dahinter steckt mehr: Die ehemalige Krankenschwester ist eine alte 68erin, sie baute den Verein "Mehr Demokratie" mit auf und gründete während des Bosnienkriegs eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge. Sie weiß, wie man sich durchsetzt, wie man für seine Rechte kämpft.
 

Jetzt hat sie ein Büro und 14 Stunden Arbeit am Tag

Bei ihrer Recherche wurde schnell klar: Wie der Seniorin ergeht es vielen Menschen in Deutschland. Aber Elsbeth Rütten fand nicht nur Betroffene, sie fand auch prominente Unterstützer, wie den Gesundheitsexperten Gerd Gläske, Professor an der Universität Bremen, der die ambulante Versorgungslücke wissenschaftlich untersucht oder den ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Selbst die gesetzlichen Krankenkassen bestätigten: Es existiert eine Gesetzeslücke. Die Kassen können Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt eine Haushaltshilfe gewähren, müssen es aber nicht.

Seit ihrem Entschluss, sich zu wehren, sind zwei Jahre vergangen. Die Patienteninitiative besitzt mittlerweile ein modernes Büro in der Bremer City – zwischen Gesundheitsamt und Klinikum. Eine Büroangestellte und zahlreiche Ehrenamtliche arbeiten für Elsbeth Rütten. Die Seniorin hält Vorträge, organisiert Infoveranstaltungen, wird als Expertin in Ausschüssen gehört und ist immer wieder in Talkshows zu Gast. Sie akquiriert Gelder, wirbt um Unterstützer, gibt Interviews. Gerade arbeitet sie an einer Internetkampagne. Dass sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt krank wurde, bezeichnet sie heute als ihr Glück. "Und dass keiner sonst schon mit dem Thema unterwegs war", fügt sie hinzu.

Frau Rütten, machen Sie jetzt eine zweite Karriere als Lobbyistin? "Irgendwie schon, ja. Ohne das Internet wäre es sicher nicht so schnell gegangen", sagt sie, wirft ihren Kopf zurück und lacht. "Kommen Sie, ich zeig Ihnen mal meinen Facebook-Account. Wir müssen auch unbedingt Freundinnen werden." Sie geht in ihr Büro, lässt sich auf den Stuhl plumpsen. Klickklick. Der Rechner ist nur im Standby-Modus. "Ich bin eigentlich immer online", erklärt die Rentnerin, bestätigt ein paar Freundschaftsanfragen und aktualisiert mal schnell ihren Status. Zu ihren Facebook-Freunden gehören Gesundheitsexperten, Politiker, Krankenkassen, Kliniken, und auch Journalisten. Medienvertreter nennt sie liebevoll "Journis". Elsbeth Rütten hat gelernt, dass sie für das sperrige Thema ambulante Versorgungslücke knackige Beispiele braucht. Darum nennt sie ihren eigenen Fall auch gerne eine "blutige Entlassung".

Eine leichte Aufgabe ist die Arbeit für die mittlerweile 63-Jährige aber nicht: Ein 14-Stunden-Tag ist für sie keine Seltenheit. Und für all die Mühen bekommt sie kein Geld. Im Gegenteil, Elsbeth Rütten schießt sogar ihre schmale Rente in die Vereinsarbeit.

Vor einem Jahr hatte sie eine Petition im deutschen Bundestag eingereicht, damit die bestehende Gesetzeslücke geschlossen wird. Ein paar Freundinnen und Ehrenamtliche aus dem Verein waren dabei. Schirmherr Scherf konnte nicht. Aber das hinderte die Seniorin nicht. Die Berichterstattung darüber hat Aufmerksamkeit gebracht, die folgende Unterschriftenkampagne ebenfalls. Die notwendigen 25.000 Stimmen hatte sie schnell zusammen. Der Petitionsausschuss nahm ihren Antrag einstimmig an. Mehrfach war Elsbeth Rütten nun schon im Bundesgesundheitsministerium zu Gast. "Erst hab ich mich nicht hingetraut, aber dann habe ich mir gesagt: Elsbeth, du hast schon andere Dinge geschafft", sagt sie und lacht.

Gleichzeitig hat der Verein ein Modellprojekt gestartet: Das Zentrum für Sozialpolitik der Bremer Universität wird alle Patienten zweier ausgewählter Bremer Kliniken nach ihrer Entlassung zu ihrer Versorgungs- und Genesungssituation befragen. Auf Grundlage der Daten soll ausgewertet werden, ob es durch die ambulante Versorgungslücke wirklich häufiger zu Folgeerkrankungen kommt – und ob dadurch Mehrkosten entstehen. Untersucht werden soll auch, wie durch eine enge Kooperation von Gesundheitsdienstleistern Verbesserungen bei der Pflege erreicht werden können.

"In Bremen ist das möglich, die Stadt ist klein genug, die Akteure sind untereinander vernetzt. Aber wir wollen bundesweit Lösungen", sagt Rütten. Davon ist sie jedoch trotz der erfolgreichen Petition noch weit entfernt. Vielleicht sollte sie mal eine Sprechstunde im Berliner Café Einstein abhalten, sagt sie zum Abschied. Dort, wo die Politiker ein- und ausgehen.