Kein Galgenhumor, sondern pure Panik liegt in der Stimme von Debra Rousey. "Inzwischen stelle ich mir wirklich Fragen wie: Wird der Pappkarton, in dem wir leben müssen, groß genug für uns alle sein?" Im November hat Rousey ihren Job als Leiterin einer kleinen Filiale der Suntrust Bank verloren. Seitdem sucht sie verzweifelt nach einer neuen Stelle.

Sie probiert alles. Fünf Bewerbungen verschickt Rousey jeden Tag. Zwei Uni-Abschlüsse stehen in ihrem Lebenslauf: einer in Business, ein weiterer in Marketing. Natürlich hätte Rousey auch Arbeit angenommen, für die sie überqualifiziert ist. Doch das steht gar nicht zur Debatte. Selbst McDonalds hat die 45-Jährige nicht einmal zurückgerufen.

Debra Rousey aus Gainesville im Bundesstaat Georgia ist nicht die einzige Amerikanerin, die diese Erfahrung machen muss. Die tiefe Rezession in Folge der Finanzkrise hat die USA mittlerweile überwunden, trotzdem verharrt die Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau. Im Juni nahm die Zahl der Beschäftigten sogar um 125.000 ab. Ein Grund: Die Regierung schickte Hunderttausende Menschen, die sie für die zurzeit laufende Volkszählung angeheuert hatte, wieder nach Hause. Diese Kurzzeitjobs hatten die Statistik für eine Weile etwas besser aussehen lassen.

Der gerade überwundene Abschwung hat in den USA mehr Menschen arbeitslos gemacht, als die vergangenen sechs Rezessionen zuvor. Es trifft alle. Arbeiter am Fließband genauso wie Anwälte, Ingenieure, Controller oder Dienstleister. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote 9,5 Prozent. Wer die Suche nach Arbeit bereits aufgegeben hat, wird aber gar nicht mitgezählt. Tatsächlich liegt die Quote deshalb laut verschiedenen Studien eher doppelt so hoch. Das bedeutet: Fast jeder Fünfte ist ohne regulären
Job.

Zwar gab es auch in den USA immer wieder Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit dramatisch in die Höhe schoss. Doch auch in den schlimmsten Krisen fanden viele nach einer Kündigung irgendeinen anderen, meist schlechter bezahlen Job. Sobald das Wirtschaftswachstum wieder anzog, kamen die guten Jobs wieder. Heute aber suchen viele Menschen nicht nur monate-, sondern jahrelang nach einer neuen Stelle. "Meine Fähigkeiten waren immer gefragt, ich hatte mein ganzes Leben lang nie Probleme einen Job zu finden und zu behalten – bis zu diesem Jahr", erzählt Rousey.

Auf diese Situation ist das Land nicht vorbereitet. Die in vielen Fällen gezahlte Abfindung reicht für eine Weile, aber dann wird es eng. Unterstützung vom Staat erhalten Arbeitslose nur für kurze Zeit oder wenn man schon alles verloren hat. Medicaid etwa, die staatliche Gesundheitsfürsorge, bekommt nur, wer gar nichts mehr hat. Doch die Krankenversicherung aus der eigenen Tasche zu bezahlen, ist für Arbeitslose fast unmöglich. Das stürzt Millionen Familien in kürzester Zeit in die Armut. Das US-Sozialsystem ist überfordert.

Wer ein Anrecht auf Arbeitslosenhilfe hat, erhält im Durchschnitt der Bundesstaaten 800 Dollar pro Monat. Wer Teilzeit arbeitet oder in seinem alten Job nur den Mindestlohn verdient hat, bekommt gar nichts. Das größte Problem zurzeit: Das System ist auf Kurzzeit-Arbeitslosigkeit ausgerichtet. Das Arbeitslosengeld ist auf 26 Wochen begrenzt. Als Reaktion auf die Rezession ist es zwar mehrmals verlängert worden.