"Unerwartete Mehreinnahme zur Tilgung von Staatsschulden." So übersetzte der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel die Abkürzung UMTS. Die Versteigerung der Mobilfunklizenzen im Jahr 2000 brachte umgerechnet rund 50 Milliarden Euro.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) denkt zehn Jahre später über ähnliches nach. Statt den vier großen Energiekonzernen längere Laufzeiten für ihre Atomkraftwerke einfach kostenlos zuzuteilen, sollen sich die Betreiber Lizenzen für jede Terawattstunde ersteigern, die sie zusätzlich zu den bisher schon vereinbarten Reststrommengen produzieren möchten. Das Ziel: Die zusätzlichen Gewinne der Energiekonzerne schon im Vorhinein über eine Auktion abschöpfen. Röttgen will ein solches Modell "ernsthaft prüfen".

Auf diese Weise käme sehr schnell viel Geld zusammen. Eine Verlängerung der Laufzeiten um acht Jahre entspricht nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) einer zusätzlichen Strommenge von 1120 Terrawattstunden. Mit diesem Strom erzielen die Energiekonzerne einen geschätzten Erlös von 56 Milliarden Euro. Würde die Strommenge auktioniert, käme wahrscheinlich ein zweistelliger Milliardenbetrag für den Bund zusammen.

Ganz neu sind die Überlegungen nicht. Das Hamburgische Weltwirtschaftsarchiv (HWWA) brachte bereits 2005 eine Versteigerung von Reststrommengen ins Spiel. Im März 2010 hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in einer Studie eine Auktion als probates Mittel empfohlen. Bislang wurde diese Möglichkeit in der Politik aber nicht ernsthaft diskutiert.

Dabei kann eine gut strukturierte Auktion eine feine Sache sein: Bei einer Versteigerung bekommt derjenige den Zuschlag, der das höchste Gebot abgibt. Die Bietenden kennen aber nur ihre eigene Schmerzgrenze beim Preis, nicht aber die der Konkurrenten. "Eine erfolgreiche Auktion spiegelt die echte Zahlungsbereitschaft der Bieter wieder", sagt Andreas Löschel, Energieexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Im Falle der Energiekonzerne wäre das die Differenz aus den erwarteten Stromeinnahmen abzüglich der Kosten für Brennstoff und Instandhaltung."

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es zu keinen Absprachen zwischen den Unternehmen kommt. Daran gibt es jedoch erhebliche Zweifel: "Wir haben nicht wirklich Wettbewerb im Energiemarkt", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Deshalb besteht bei einer Auktion die Gefahr von Verzerrungen."

Die vier deutschen Betreiber von Atomkraftwerken – E.on, Vattenfall, RWE und Enbw – sind untereinander gut vernetzt. Sie wissen nicht nur über den Zustand der jeweiligen Kraftwerke genauestens Bescheid, sondern sie sind auch über die Kostenstruktur der Konkurrenten informiert. E.on tritt als gemeinschaftlicher Eigentümer der deutschen Kernkraftwerke von Vattenfall auf, und ist über das Kraftwerk in Grundremmingen auch mit RWE verbunden. Nur EnBW betreibt seine Kraftwerke vollständig in Eigenregie – kennt aber über Gremien wie dem Deutschen Atomforum seine Mitbewerber sehr genau. "Es ist nicht nachvollziehbar wie sich in einer Auktion um Restlaufzeiten mit solchen Bietern ein Preiskampf einstellen soll", sagt ZEW-Experte Löschel. "Hierzu müssten die Eigentumsrechte entflochten und stärker gestreut werden, eine politisch sehr unwahrscheinliche Entwicklung."