Ungeachtet der demonstrativen Harmonie zwischen Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch in Peking zeigten sich auch die Differenzen zwischen den beiden Regierungen. So hat die Kanzlerin die chinesische Führung aufgefordert, den heimischen Markt weiter für Produkte aus dem Ausland zu öffnen. Chinesische Unternehmen hätten einen sehr guten Zugang zum deutschen Markt, sagte Merkel in Peking. Das Land solle deutschen Unternehmen einen ebenso guten Zugang zum chinesischen Markt gewähren.

Merkel betonte, dafür müssten einige wichtige Fragen geklärt werden. Dazu gehöre etwa der Schutz des geistigen Eigentums – dahinter steht die Sorge um die Produktpiraterie –, der Verzicht auf Dumping und ein "vernünftiges Wechselkursregime. Nur so könne man sicherstellen, "dass keine Benachteiligungen stattfinden". Dies zielt auf die Vorwürfe an China, eigene Exporte zu subventionieren und dank der staatlich gelenkten Devisenpolitik künstlich billig zu halten. Kürzlich jedoch hatte die KP-Regierung beschlossen, den Yuan teilweise freizugeben, was die Kanzlerin als einen "vernünftigen Schritt" lobte.

Dies reiche für die EU jedoch nicht aus, um China den Status als Marktwirtschaft anzuerkennen. "Ich glaube, wir sind noch nicht an dem Punkt, wo alle Kriterien erfüllt sind", sagte Merkel und verweist damit auf die Forderung aus Peking, Brüssel möge China bereits jetzt dieses Siegel verleihen und damit den Import chinesischer Waren erleichtern. Die Kanzlerin versprach, dass es "faire und zielorientierte Gespräche" geben soll, wenn China seinen Markt öffne. "Wir wollen die Entscheidung nicht auf die lange Bank schieben", sagte sie. Denn gerade die Wirtschaftsbeziehungen zu China seien von allergrößter Bedeutung.

Das betonten auch die mitgereisten Firmenvertreter. Während Merkels China-Besuch wurden zwischen beiden Ländern mehrere Verträge in den Bereichen Handel, Energie und Kultur geschlossen. Chinesischen Staatsmedien zufolge vereinbarte der Technologiekonzern Siemens mit der Shanghai Electric Group of China eine Zusammenarbeit für die Entwicklung von Dampf- und Gasturbinen. Die Vereinbarung hat demnach ein Volumen von 3,5 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro). Der deutsche Autobauer Daimler und Foton Motor of China beschlossen eine Zusammenarbeit für den Bau von Lastwagen.

Damit rücken die beiden exportstärksten Länder der Welt noch enger zusammen. In den vergangenen Jahren nahm der Handel zwischen China und Deutschland stark zu und erreichte im vergangenen Jahr knapp 92 Milliarden Dollar (etwa 71 Milliarden Euro). Die Ausfuhren beider Länder boomen, weshalb sich sowohl Berlin als auch Peking im Kreis der G-20-Staaten – allen voran von den USA und Frankreich – immer wieder kritisieren lassen.

Die Vorwürfe, ihre Länder seien mit ihren Exportüberschüssen mitverantwortlich für Ungleichgewichte in der Welt, wiesen Merkel und Wen Jiabao nun gemeinsam zurück. "Beide Länder streben nicht Überschuss an sich an", betonte Wen. Vielmehr sei man an mehr wirtschaftlichem Austausch insgesamt interessiert. Beide hätten zudem einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Weltwirtschaft nach der Krise geleistet und widerständen dem Protektionismus. "Man sollte Deutschland und China nicht beschuldigen, sondern würdigen", ergänzte Wen. 

Merkel ging ebenfalls in die Offensive. "Man kann Produkte nur verkaufen, wenn sie wettbewerbsfähig sind. Deutschland ist stolz auf seine Wettbewerbsfähigkeit", sagte sie. Merkel wehrte zudem Kritik ab, Deutschland rege die Binnenkonjunktur nicht genügend an. "Wir halten nichts davon, künstlich Importe zu erleichtern, indem wir uns weiter verschulden. Importe und Exporte müssten auf wirklicher Leistungskraft beruhen." Mit China sei man einer Meinung, dass die Defizite der öffentlichen Haushalte nicht höher als drei Prozent sein dürften – dies ist auch der Grenzwert im Europäischen Stabilitätspakt.

Auch auf politischer Ebene wollen Deutschland und China ihre Beziehungen ausbauen und deshalb jährliche Treffen der Regierungschefs einführen. "Wir wollen die Beziehungen auf eine völlig neue Ebene stellen", sagte Merkel. Der Streit um den Empfang des Dalai Lama im Kanzleramt im Jahr 2007 scheint längst vergessen. Seit Monaten bemüht sich stattdessen vor allem Ministerpräsident Wen intensiv um die Gunst der Bundesregierung. Er sieht in den Deutschen einen natürlichen Verbündeten. "Hand in Hand" müssten beide Nationen in der Welt voranschreiten, sagte er an der Seite der Kanzlerin in Peking. "Wir haben gesunde, stabile und dynamische Beziehungen."

Dennoch hatte Merkel auch kritische Worte für ihre chinesischen Gastgeber. Indirekt setzte sich Merkel für bessere Bedingungen für kritische Journalisten in China ein. Die Aufgabe der Medien sei es, "kritisch und aufklärerisch" zu berichten, sagte sie. Das sei nötig, damit beide Länder mehr voneinander erführen. "Wir müssen mehr voneinander wissen." Wen forderte die Medien dagegen auf, sehr viel stärker "die Lichtseiten" der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit herauszustellen.

Merkel war am Freitagmorgen in Peking eingetroffen, wo sie mit militärischen Ehren empfangen wurde. Das zeigt, wie hoch die chinesische Seite den mittlerweile vierten Besuch der Kanzlerin im Reich der Mitte angesiedelt hatte. Nach ihrem Treffen mit Premier Wen wollte sie im Verlauf des Tages auch mit Staatschef Hu Jintao zusammenkommen. Auf dem weiteren Programm steht zudem die Weiterreise in die ehemalige zentralchinesische Hauptstadt Xianyang, wo Gespräche mit Wirtschaftsführern und ein Besuch der weltberühmten Terrakotta-Armee auf dem Programm standen. Am Sonntag reist die Kanzlerin nach Kasachstan weiter.