Martin Häusling-Garbisch spricht gerne über diese Geschichte. Der große schlanke Mann mit den grauen Locken blättert in einem dicken Aktenordner, der auf dem Küchentisch in seiner Wohnung in Köln-Brück liegt. Auf den vergilbten Blättern stehen Namen und Zahlen, Tabellen mit Geldbeträgen, darunter Summen und Zwischensummen. Für Häusling-Garbisch erzählen diese Zahlen eine Geschichte. Eine Geschichte von jungen Menschen, die vor 25 Jahren eine ungewöhnliche Idee hatten, die sie bis heute verbindet.

Bad Kreuznach, 1985. Eine Gruppe von Vikaren, darunter Häusling-Garbisch, sorgt sich um ihre Zukunft. Die Männer und Frauen haben erst Theologie studiert, nun besuchen sie das Predigerseminar. Sie fürchten, nach dem zweijährigen Vikariat und dem 18-monatigen Hilfsdienst in einer Gemeinde keinen festen Arbeitsplatz bei der evangelischen Kirche zu bekommen. Es gibt zu viele Bewerber und zu wenige Stellen. Für die Vikare wäre die Arbeitslosigkeit fatal: Mit Arbeitslosengeld können sie nicht rechnen. Zudem haben einige eine Familie zu versorgen.

Eines Abends versammeln sich die Vikare in ihrem Seminarraum. Sie haben eine Idee: Um sich gegenseitig abzusichern, wollen sie in Zukunft einen Teil ihres Gehalts in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Wer arbeitslos wird, wird mit dem Geld derjenigen, die eine Stelle finden, eine Zeit lang unterstützt – wie bei einer Versicherung. Für die Vikare steht fest: Geteiltes Leid ist halbes Leid. "Wir wollten dem deprimierenden Gefühl der drohenden Arbeitslosigkeit etwas Positives entgegensetzen", erinnert sich Martin Häusling-Garbisch. Der heute 53-jährige Berufsschulpfarrer war damals einer der Initiatoren eines Projekts, das unter dem Namen Solidaritätsfonds für Aufsehen in der Rheinischen Landeskirche sorgte.

Die Idee ist ungewöhnlich, denn hierzulande ist die Solidarität der Reichen mit den Armen, der Arbeitenden mit den Arbeitslosen, der Gesunden mit den Kranken in erster Linie staatlich organisiert. Über Steuern und Sozialversicherungen wird Geld an die Bedürftigen umverteilt.

Allerdings gibt es immer wieder Menschen wie Häusling-Garbisch, denen das nicht genügt. Zum Beispiel freie Journalisten, die gemeinsam ein Büro gründen und ihre Honorare fair teilen. Oder Künstler, die Kunstwerke an den "Artist Pension Trust" übertragen: Der Trust verkauft sie und verteilt einen Teil des Geldes gleichmäßig unter den anderen Künstlern. Modelle wie diese helfen Menschen mit schwankendem Einkommen, Durststrecken zu überbrücken.

Doch das allein stellt die Theologen in Bad Kreuznach von Beginn an nicht zufrieden. Während der Diskussionen im Seminarraum meldet sich ein Kursmitglied: "Wenn wir nur uns selber helfen, mache ich da nicht mit", sagt er. Man müsse sich doch auch mit anderen Menschen solidarisieren, mit Menschen der Dritten Welt. Die anderen sehen das ähnlich. Sie sind sich schnell einig: Mit zwanzig Prozent der eingezahlten Summe wollen sie die  Anti-Apartheids-Bewegung in Südafrika und linke Theologen in Nicaragua unterstützen, erzählt Häusling-Garbisch, der damals zum Verwalter des Fonds gewählt wurde.