Chinas Wirtschaftskraft wird immer gewaltiger. Demnächst könnte das Reich der Mitte gar als zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt nach den USA gelistet werden. Nach vorläufigen Berechnungen der Regierung in Tokio belief sich Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Kalenderquartal auf rund 1,28 Billionen Dollar, während China auf ein BIP von 1,33 Billionen Dollar kam.

Zwar lassen sich die Zahlen nicht ohne Weiteres vergleichen, da sie nicht um saisonale Faktoren bereinigt sind. Dennoch sei es sehr wahrscheinlich, dass der aufstrebende Nachbar Japan damit als die Nummer Zwei abgelöst hat, meldete die führende japanische Wirtschaftszeitung Nikkei in ihrer Abendausgabe.

Japans Wirtschaftswachstum schwächt sich derweil ab. Nach vorläufigen Berechnungen der Regierung stieg das BIP im zweiten Kalenderquartal nur noch mit einer hochgerechneten Jahresrate von 0,4 Prozent.

Im Vergleich zum Vorquartal sei das BIP im Zeitraum von April bis Juni um 0,1 Prozent gestiegen, teilte die Regierung in Tokio weiter mit. Analysten hatten im Durchschnitt der Prognosen mit einem deutlich stärkeren Wirtschaftswachstum gerechnet.

Gründe für das nur minimale Wachstum im Frühjahr waren ein schwacher Konsum und der durch starken Yen gebremste Export. Die Konjunkturprogramme der Regierung etwa für den Kauf eines Neuwagens laufen aus. Die Japaner halten sich zudem bei großen Anschaffungen zurück, weil sie darauf warten, dass die Preise noch weiter sinken werden.

Die Produktion der Exportschlager Autos und Elektronik wiederum war im Juni überraschend zurückgegangen - die Firmen fürchten eine geringere Nachfrage in den USA und in Europa. Die japanische Währung erreichte kürzlich ein 15-Jahres-Hoch gegenüber dem Dollar, was die Exporte teurer macht.

China hatte bereits Ende Juli verkündet, es habe Japan nach 40 Jahren als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt überholt. Der Vizechef der chinesischen Zentralbank nannte damals aber keine Zahlen.

Chinas Wirtschaft wächst nach wie vor schnell, im zweiten Quartal waren es nach offiziellen Angaben 10,3 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Experten erwarten aber, dass sich die Konjunktur im zweiten Halbjahr etwas abkühlen wird.

Japan war 1968 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA aufgestiegen und hatte damals Deutschland auf den dritten Rang zurückgedrängt. Deutschland liegt heute nach China auf Rang vier. Den Titel des Exportweltmeisters hatte Deutschland schon im vergangenen Jahr an die Volksrepublik abgegeben.

Japan wird genauso wie Deutschland jenseits aller Statistiken aber noch auf Jahre hinaus wohl einen höheren Wohlstand als China haben. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in China deutlich geringer. In der Volksrepublik leben rund 1,3 Milliarden Menschen, in Japan dagegen nur rund 128 Millionen, in Deutschland rund 82 Millionen.