Europa war wie gelähmt im Sommer 2002, als die Oder in Ostdeutschland, Polen und Tschechien über die Ufer trat. Häuser wurden überflutet, Brücken unterspült, Straßen und Autos weggerissen. Dörfer mussten evakuiert werden, Menschen starben. Die Fernsehsender strahlten Spendenaufrufe aus, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder reiste in Gummistiefeln ins Krisengebiet. Eine Katastrophe – und zugleich die Geburtsstunde eines neuen Kapitels europäischer Solidarität.

Bei einem "Hochwassergipfel" einigten sich die EU-Regierungschefs damals darauf, dass die Staaten einander bei Katastrophen schnell und unbürokratisch helfen sollen. Die Bevölkerung müsse schließlich vor weiteren Schäden geschützt, zerstörte Infrastruktur und Kulturerbe wieder aufgebaut werden. All das seien Aufgaben, die ein Land kaum alleine bewältigen könne.

Nur Wochen nach der Flutkatastrophe legte die EU-Kommission eine entsprechende Verordnung vor, kurz darauf wurde sie vom Ministerrat abgesegnet: Der EU-Solidaritätsfonds war geboren. Europa habe sich als "ein Kontinent der Solidarität und der Menschen" erwiesen, schwärmte der damalige Bundeskanzler Schröder.

Seitdem finanziert der Fonds nach Naturkatastrophen Schutz- und Aufbaumaßnahmen, Sandsäcke und Notunterkünfte, den Einsatz von Rettern und Helfern. Allerdings funktioniert er nicht wie eine Hilfsorganisation für besonders Bedürftige, sondern eher wie eine Versicherung auf Gegenseitigkeit. Damit ist der Fonds beispielhaft für die Solidarität zwischen den EU-Staaten: Es geht weniger um Wohltätigkeit als um handfeste Interessen – genau wie bei den Finanzhilfen, die die EU-Staatschefs für das überschuldete Griechenland locker gemacht haben.

Zunächst einmal ist ziemlich genau festgelegt, wann der Solidaritätsfonds zahlt: Nur dann, wenn die Katastrophe einen volkswirtschaftlichen Schaden von mindestens drei Milliarden Euro oder von 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des jeweiligen Staates angerichtet hat. Ausnahme: Auch wenn eine Region besonders schwer verwüstet wurde, können die Hilfen aktiviert werden.