Laufzeitverlängerung hat beste Chancen, das Wort des Jahres 2010 zu werden. Die alles entscheidende Frage des neuen Energiekonzepts scheint zu sein, wie sich eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke um vier, zwölf, 20 oder 28 Jahre auf die deutsche Stromerzeugung und den Übergang in das regenerative Zeitalter auswirken würde.

Allen Beteuerungen zum Trotz, das regenerative Zeitalter so schnell wie möglich zu erreichen, wurde dennoch kein Szenario in Auftrag gegeben, wie und bis wann denn das eigentliche Ziel hundert Prozent erneuerbare Energien im Strombereich erreicht werden könnte. Die Diskussion um die Laufzeitverlängerung erweckt zudem den Eindruck, als würden alle Atomkraftwerke in den nächsten Wochen oder Monaten abgestellt, es geht jedoch um eine Laufzeitverlängerung über das Jahr 2022 hinaus, also bis 2035 oder gar bis fast 2050.

Die Vorgabe für die Gutachter war eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 85 Prozent bis 2050. Das beeindruckt zunächst, bedeutet in den vorgelegten Szenarien aber immer noch, dass der Primärenergiebedarf lediglich zu 50 Prozent über erneuerbare Energien gedeckt wird. Viele Studien sind da längst weiter. Hundert Prozent regenerative Stromversorgung oder bisweilen sogar eine vollständig regenerative Energieversorgung bis 2050 sind längst keine radikalen Forderungen mehr.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), das Umweltbundesamt, der Forschungsverbund Erneuerbare Energien sowie mehrere renommierte internationale Beratungsunternehmen, die gewiss unverdächtig sind, vermeintlich links-grüner Fantastereien das Wort zu reden, haben gezeigt, dass eine vollständig regenerative Stromversorgung bis 2050 klimaverträglich, sicher und bezahlbar machbar ist – ohne Laufzeitverlängerung und ohne neue Kohlekraftwerke.

Eine Laufzeitverlängerung von 10 bis 15 Jahren jetzt als "fachlich vernünftig" zu bezeichnen, wird dem wissenschaftlichen Sachstand nicht mehr gerecht. Wenn die unterschiedlichen Laufzeiten in den Langfristszenarien bei hohen Nachrüstkosten kaum noch nachweisbare Effekte bringen, fragt man sich, warum überhaupt noch eine deutliche Laufzeitverlängerung in Betracht gezogen wird.

Der Sachverständigenrat hat in seinen Szenarien sämtliche Kernkraftwerke und sämtliche laufende wie bereits in Bau befindliche Kohle- und Gaskraftwerke mit 35 Jahren Laufzeit betrachtet. Von Kapitalvernichtung in Milliardenhöhe und Gefährdung der Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland kann, wie in manchen Anzeigen behauptet, also keine Rede sein. Im Gegenteil: Wer die Zeichen der Zeit verkennt, wer nicht rechtzeitig modernisiert, wer nicht langfristig plant, wer sich Reformen verweigert, wer den ohnehin notwenigen Umbau des Energiesystems verzögert, der gefährdet die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland und damit seinen Wohlstand.