Die Worte der Großmutter hatten sich in das Gedächtnis von Ian Kiru Karan gebrannt, so mahnend müssen sie gewesen sein. "Sei bloß artig und bringe keine Schande über die Familie", hatte sie am Bahnsteig gesagt, zum Abschied. Karan war damals 16 Jahre alt und stieg in einen Zug nach Europa. Raus aus dem heutigen Sri Lanka, wo er geboren wurde. Rein in eine ungewisse Zukunft.

Ian Karan hat keine Schande über seine Familie gebracht. Im Gegenteil. Er hat geschafft, wovon viele Menschen nur träumen. Karan hat es vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht. Jetzt wird der 71-jährige Unternehmer neuer Wirtschaftssenator in Hamburg - der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere. "Ich freue mich sehr darüber, dass mir ein solches Vertrauen entgegengebracht wird", sagte Karan Anfang der Woche.

Der designierte Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) soll Karan "dringlich gebeten" haben, das Amt des Wirtschaftssenators zu übernehmen. Sein Vorgänger Axel Gedaschko (CDU) hatte nach dem Rücktritt von Ole von Beust im Juli erklärt, dass er sein Amt ebenfalls zur Verfügung stellen wolle. Heute Abend wird Ahlhaus seine neue Senatorenriege der Öffentlichkeit vorstellen. Dass Karan der neue Wirtschaftssenator von Hamburg wird, gilt als sicher. Mit Spannung wird die Entscheidung erwartet, ob es weiterhin eine selbständige Kulturbehörde geben soll. Die Senatorin Karin von Welck (parteilos) erklärte zeitgleich mit Beust ihren Rücktritt. Nun könnte die Kultur der Wissenschaftsbehörde zugeschlagen werden. Außerdem wird ein neuer Innensenator vorgestellt.

Ian Karan war früh als möglicher Nachfolger in der Wirtschaftsbehörde im Gespräch. Denn der 71-Jährige ist in Hamburg bekannt wie ein bunter Hund. Er ist erfolgreicher Unternehmer und hat Millionen mit dem Verleih von Containern verdient. Seine Firma Capital Intermodal ist weltweit führend auf dem Gebiet der Spezialcontainer. Gleichzeitig ist Ian Karan ein bekannter Mäzen. Er spendet viel Geld für soziale Projekte und Sportvereine. Für sein soziales und kulturelles Engagement erhielt er vor drei Jahren das Bundesverdienstkreuz.

Sein Leben sei ein ständiges Auf und Ab gewesen, hat Ian Karan einmal gesagt. Er wurde 1939 in Point Pedro auf Ceylon geboren, dem heutigen Sri Lanka. Seine Mutter starb bei der Geburt. Wenige Jahre später starb auch sein Vater. Fortan lebte Karan im Internat. Mit 16 Jahren kam Karan nach England. Er beendete die Schule und begann ein Studium an der London School of Economics. Doch ein halbes Jahr vor seinem Abschluss fliegt er wegen seiner hohen Fehlzeiten von der Universität.

Karan kommt 1970 nach Hamburg, weil er Deutsch lernen möchte. Er nimmt einen Job als Tellerwäscher an und steckt fortan jeden Abend ärmeltief in Seifenlauge. Schon fünf Jahre später gründet er sein erstes Unternehmen. Dass Karan ein kluger Kaufmann ist, bewies er vor drei Jahren. Er verkaufte sein Unternehmen Clou Container an einen Investmentfonds, für einen dreistelligen Millionenbetrag. Schon am nächsten Tag startete er mit einem neuen Unternehmen erfolgreich durch, der Capital Intermodal GmbH.

Nun muss Karan zeigen, dass er nicht nur ein geschickter Unternehmer, sondern auch ein guter Wirtschaftspolitiker ist. Die Schwerpunkte seiner Politik stehen bereits jetzt fest: den Hafen stärken und regionale Unternehmen fördern. "Am Anfang wird es für ihn schwierig werden", sagt Barbara Ahrons, wirtschaftspolitische Sprecherin der Hamburger CDU-Fraktion. Sie glaubt jedoch auch, dass Karan den Senat bereichert. "Er wird frische Ideen einbringen und vieles infrage stellen", sagt die CDU-Politikerin.

Auch beim grünen Koalitionspartner sieht man in Ian Karan einen kompetenten Wirtschaftsexperten. Trotzdem gab es in der GAL-Fraktion zunächst Vorbehalte gegen die Personalie. Die Grünen stoßen sich daran, dass Karan die rechtsgerichtete Schill-Partei im Wahlkampf 2001 mit einer Großspende unterstützt hatte. Mittlerweile hat sich Karan jedoch deutlich davon distanziert und seine Nähe zu Schill als Fehler bezeichnet. Er habe sich damals in der Partei getäuscht. "Diese Distanzierung war sicherlich hilfreich", sagt Jens Kerstan, Vorsitzender der GAL-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft.

Wenn die GAL-Mitglieder am kommenden Mittwoch für Christoph Ahlhaus abstimmen, wird der CDU-Mann zum neuen Ersten Bürgermeister von Hamburg gewählt. Dann wird sich auch zeigen, ob eine schwarz-grüne Mehrheit im Parlament für Ahlhaus und seine Senatsriege steht.

Anmerkung der Redaktion:

Zwei Tage nach Veröffentlichung dieses Artikels hat Ian Karan in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zugegeben, über sein Leben falsche Angaben gemacht zu haben. Karan erhielt wegen seiner Fehlzeiten keinen Studienabschluss an der renommierten London School of Economics. Zuvor hatte er stets angegeben, er sei wegen seiner Proteste gegen den Vietnamkrieg von der Universität geflogen. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert. Die Redaktion