Die Situation ist dramatisch: Der Preis für Weizen ist in Europa allein im Juni um 50 Prozent gestiegen, an der wichtigen Börse in Chicago stieg er sogar so stark wie noch nie in den vergangenen 60 Jahren. Russland und Kanada, nach den USA die größten Weizenexporteure weltweit, werden 2010 weit weniger Getreide ausführen als geplant. Russland droht sogar mit einem kompletten Exportverbot von Weizen. Ein Hedgefonds macht Schlagzeilen, weil er im großen Stil Kakao aufkauft. Der Preis ist so hoch wie seit 33 Jahren nicht mehr.

All das weckt Erinnerungen an die Welternährungskrise vor zwei Jahren. Viele fragen sich, ob uns erneut eine ähnliche Situation droht. Aber die Frage ist falsch gestellt. Von einer neuen Welternährungskrise kann keine Rede sein. Sie war nie vorbei. 

Die Nahrungsmittelpreise liegen seit Langem wieder auf fast epochalen Höhen: Der UN-Index für die weltweiten Nahrungsmittelpreise stand im ersten Halbjahr 2010 nur rund 14 Prozent unter seinem Rekordwert von 2008 und damit fast doppelt so hoch wie noch im Jahr 2000. In vielen Entwicklungsländern sind die Folgen dramatisch: In Tadschikistan lag der Weizenpreis schon Anfang des Jahres mehr als 100 Prozent über dem Durchschnitt der Vorkrisenzeiten. In Sri Lanka sollen die Ärmsten der Armen für Reis mehr als das Doppelte bezahlen, genau wie in Benin, wo Hirse sogar mehr als das Dreifache kostet. 

Ein globaler Trend mit verheerenden Folgen: Allein 2009 sind über 100 Millionen Menschen zu zusätzlichen Hungernden geworden. Es ist, als seien binnen Monaten alle Bewohner Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in eine Hungersnot geraten. So wie nun insgesamt eine Milliarde Menschen weltweit, so viele wie nie zuvor. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat die 2008 ausgebrochene Welternährungskrise damit an vielen Orten erst jetzt ihre Wirkung entfaltet. Und während die Krise sich im Süden erst richtig ausbreitet, sinken im Norden Zuwendung und Zusagen.

Beispiel UN World Food Programme (WFP): Noch 2008 konnte WFP dank großzügiger Spenden und Hilfen der internationalen Staatengemeinschaft statt etwa 70 Millionen über 100 Millionen Hungernde weltweit unterstützen. Im Jahr 2009 explodierte die Zahl der Hungernden erneut, doch das rein freiwillig finanzierte Budget des WFPs blieb zu rund 40 Prozent ungedeckt. Den rund 3000 WFP-Partnerorganisationen erging es kaum besser. Die Folge: Halbe oder keine Essensrationen für Millionen Menschen. Allein in einem Armenhaus wie Bangladesch musste das WFP drei von fünf Millionen Menschen ohne jede Hilfe ihrem Schicksal überlassen.