Ibrahim Haddad ist kein Friedensbewegter, kein Träumer, nur ein nüchterner Geschäftsmann. Er weiß, dass ein Ende des Konflikts mit Israel gut für sein Geschäft wäre. "Wenn es Frieden gibt", sagt er, "dann kommen womöglich auch die jüdischen Israelis. Und dann steigen die Standards und die Preise".

Haddad, ein Mann Anfang 60 mit grauen Schläfen, sitzt in der Lobby seines Hotels nahe der Palästinenserstadt Dschenin. Er ist einer der wichtigsten Industriellen im Westjordanland, mehrere Eisenwaren-Fabriken haben ihn reich gemacht. Vor rund einem Jahr aber entdeckte er einen neuen Markt, auf dem es plötzlich Geld zu verdienen gab: das Tourismusgeschäft.

Damals, im Spätherbst 2009, kündigte die israelische Regierung an, den Checkpoint zwischen Gilboa und Dschenin zu öffnen. Haddad verstand schnell, was das bedeutete. Er trommelte Handwerker zusammen und baute sein Hotel aus, das er vor Jahren gekauft hatte. Er ließ auf dem Gelände ein Theater mit 2000 Sitzplätzen errichten, und einen Freizeitpark, mit Schiffsschaukel und Auto-Scooter.

Haddad hat an der richtigen Stelle investiert. Seit die Grenze offen ist, boomt sein Hotel. An den Wochenenden ist er fast immer ausgebucht. 500 Autos pro Tag passieren seither die Grenzstation unweit der Stadt, am Wochenende bis zu 1000. Zumeist sind es reiche arabische Israelis aus Nazareth und Jerusalem, die in Dschenin einkaufen und sich bei ihm einquartieren.

Das Westjordanland im Jahr 2010. Wer durch Dschenin, Ramallah oder Nablus im Jahr 2010 reist, sieht Städte im Aufbruch. Nördlich von Ramallah entstehen derzeit Wohnhäuser mit Tausenden Einheiten. In der Stadt selbst eröffnen fast im Wochenrhythmus neue Szene-Cafés, Hotels und Shopping-Malls. In Dschenin, dem einstigen Terrorzentrum der zweiten Intifada, gibt es in mehrstöckigen Geschäften Luxusmöbel und Kleider zu kaufen. Seit Kurzem hat hier auch das Kino wiedereröffnet , das 1987 während der ersten Intifada schließen musste.

Die Westbank boomt. Und der Aufschwung ist so rasant wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 8,5 Prozent. In diesem Jahr könnten es nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sieben Prozent sein, 2011 sogar bis zu zehn Prozent. Was sind die Ursachen für den Boom?

"Es ist eine einfache Logik", sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Wann immer zwischen Israelis und Palästinensern nicht gekämpft wird, wächst die Wirtschaft im Westjordanland schneller."

Tatsächlich geht es in der Westbank wirtschaftlich bergauf, seit die Sicherheit zurückgekehrt ist und die schlimmsten Auseinandersetzungen der Vergangenheit angehören. Noch zwischen 2000 – dem Beginn der zweiten Intifada – und 2008 sank das Pro-Kopf-Einkommen in der Westbank und in Gaza um insgesamt 34 Prozent, rechnete die Weltbank unlängst vor. Nun hat das Bruttoinlandsprodukt fast wieder das Niveau des Jahres 1999 erreicht. "Der Nachholbedarf vor allem bei der Infrastruktur ist immens", sagt Perthes. An vielen Stellen wird nachgeholt, was in den Jahren zuvor versäumt wurde: Straßen werden erneuert, Schulen gebaut und Bäume gepflanzt.

Doch es ist auch etwas Neues entstanden in der Westbank, ein "neuer Unternehmergeist", wie es Perthes nennt. Vor allem einen Mann machen sie in der Westbank dafür verantwortlich: Salam Fajad. Der palästinensische Regierungschef, der früher als Ökonom für den Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitete, gilt als Architekt einer neuen Wirtschaftsordnung. Fajad hat bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren der Vetternwirtschaft, die unter Jassir Arafat bis 2004 die Westbank beherrschte, den Kampf angesagt. Selbst in der israelischen Regierung gibt es Stimmen, die ihm gute Arbeit bescheinigen.