Jürgen Großmann freut sich im Stillen, öffentlich hält er sich vornehm zurück. Denn Lobbyerfolge zu feiern ist auf der politischen Bühne in etwa so wie Nachtreten im Sport. "Unser gemeinsamer Appell sollte ein Beitrag zur Versachlichung der teilweise sehr emotional geführten Diskussion sein", sagt E.on-Chef Johannes Teyssen dem Handelsblatt. Er hatte zusammen mit Großmann Druck auf die Regierung ausgeübt. Als Gewinner mag er sich nicht bezeichnen, zumindest nicht öffentlich. Understatement ist die Tugend der Sieger.

Doch die Chefs der Stromkonzerne wissen: Der von ihnen initiierte offene Schlagabtausch mit der Politik – er hat sich gelohnt. Am Sonntagabend kam es im Bundeskanzleramt zum Ausstieg aus dem von der rot-grünen Regierung beschlossenen "Ausstieg aus der Atomenergie".

Die 17 deutschen Atomkraftwerke dürfen im Durchschnitt zwölf Jahre länger laufen. Die Branche, so hat das Öko-Institut errechnet, erhält in diesem Zeitraum Zusatzerlöse von mindestens 57 Milliarden Euro. Für SPD und Grüne, aber auch für den Öko-Flügel der CDU/CSU/FDP-Regierung bedeutet das eine herbe Niederlage.

Großmann und seine Kollegen, die Vorstandschefs von E.on, EnBW und Vattenfall, setzten diesmal nicht auf diskrete Lobbyarbeit, sondern auf das Argument. In einem leidenschaftlichen Appell kritisierten sie vor zwei Wochen, die zögerliche Energiepolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel blockiere notwendige Investitionen. Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz sowie über 40 weitere prominente Wirtschaftskapitäne hatten unterschrieben. Längere Atomlaufzeiten seien notwendig, die alternativen Energien seien noch nicht so weit, den Nuklearstrom zu ersetzen.

Dass die Konzerne mit ihrem Vorgehen viel erreicht haben – das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der Opposition. "So dreist ist in Deutschland noch nie der Eindruck erweckt worden, Politik sei käuflich", wetterte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Hubert Weiger, moniert: "Die Gier der Atomstromkonzerne nach Extra-Profiten bestimmt die Energiepolitik der Bundesregierung." In jedem Fall habe die Kampagne "Einfluss auf die Entscheidungsfindung gehabt", sagt Klaus Dittko, Geschäftsführer der politischen PR-Agentur Scholz & Friends Agenda.

Das für Wirtschaftskapitäne eher schroffe Vorgehen ist auch für andere Branchen ein Lehrstück. Die Zeit der Diplomatie scheint vorbei, dröge Verbandsarbeit verläuft sich im Leeren. Stattdessen können Konzerne ihre Forderungen vor allem dann durchsetzen, wenn die Konzernchefs selbst die politische Bühne betreten, wenn sie unerschrocken auf Konfrontationskurs zur Regierung gehen und die für sie zuständigen Gewerkschaften als Partner gewinnen.

Die deutschen Unternehmen werden immer autonomer und politischer, analysiert die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Die Verbände dagegen "haben sich abgenutzt", so auch das Urteil von Frank Behrendt. Er ist geschäftsführender Partner bei der PR-Beratung Pleon.

Andere Branchen, die diskreter ihre Interessen durchzusetzen versuchten, stehen mit leeren Händen da. Die Fluggesellschaften beispielsweise setzten im Kampf gegen die Luftverkehrsabgabe auf vertrauliche Gespräche mit Kanzlerin Angela Merkel. Die aber ließ sie abblitzen. Unumwunden teilte sie mit, die Regierung brauche 1,3 Milliarden Euro von der Branche – und ob das Ding nun Luftverkehrsabgabe oder Steuer heiße, sei ihr egal.

Die Laufzeitverlängerung bringt den AKW-Betreibern 57,7 Milliarden Euro zusätzlich

Als die Bundeskanzlerin am späten Sonntagabend eine Telefonschalte mit den Vorstandschefs der vier großen Energiekonzerne begann, waren die betroffenen Herren ausgesprochen nervös. Keiner wusste, ob ihre Provokation – schließlich hatten sie die Energiepolitik der Regierung kurz zuvor öffentlich kritisiert – nicht nach hinten losgehen würde. Nach wenigen Minuten kam die Entwarnung. Was die Kanzlerin in einer zwölfstündigen Sitzung mit den zuständigen Fachministern, Partei- und Fraktionsspitzen verhandelt hatte, stieß bei den Bossen auf Wohlgefallen.

Der von der rot-grünen Regierung 2002 beschlossene "Atom-Konsens" wurde aufgekündigt – der Ausstieg aus der Technologie, die umstritten ist wie keine zweite, vertagt. Die Laufzeiten der 17 noch aktiven Reaktoren wird im Schnitt um zwölf Jahre verlängert. Das letzte Kernkraftwerk soll nicht schon in rund 15 Jahren, sondern erst gegen 2040 vom Netz gehen.

Wie groß der Sieg ist, zeigt die Zurückhaltung, mit der er von der Branche kommuniziert wird. Klar: Einen Teil der zu erwartenden Milliardengewinne müssen die Konzerne abgeben – in Form von Steuern und Abgaben. Letztere werden zur Förderung der erneuerbaren Energien verwendet. Doch das Öko-Institut hat selbst bei moderaten Strompreisen Zusatzerträge für die AKW-Betreiber von 57,7 Milliarden Euro errechnet, von denen die Unternehmen nur knapp die Hälfte abgeben müssten.

Für die Börse ist die Sache ebenfalls klar: Die Aktien von E.on und RWE legten zwischenzeitlich um drei Prozent zu und waren gestern die Topgewinner im Deutschen Aktienindex. "Wir haben mehr erreicht, als wir zuletzt hoffen konnten", sagt ein Branchenvertreter.

"Zuletzt" heißt, bevor die Branche laut geworden ist. Vor zwei Wochen, als das neue Energiekonzept im innerkoalitionären Streit zerrieben zu werden drohte und Merkel die Courage für eine wirkliche Revision des Atomausstiegs zu verlieren schien, schalteten die Energiebosse ganzseitige Anzeigenseiten.

In einem "Energiepolitischen Appell" hatten sie eine bis dahin nie da gewesene Front aus Managern organisiert, die ihren Unmut über die Energiepolitik zum Ausdruck brachte. Viele Dax-Vorstände waren dabei: Josef Ackermann (Deutsche Bank), Werner Wenning (Bayer) oder Ekkehard Schulz (Thyssen-Krupp).

Verabredet hatten dies die vier Energiechefs Johannes Teyssen (E.on), Jürgen Großmann (RWE), Hans-Peter Villis (EnbW) und Tuomo Hatakka (Vattenfall) im Juli bei einer Telefonkonferenz. Zum Auftakt der Verhandlungen über das lange angekündigte Energiekonzept wollten die vier Energiechefs in einem gemeinsamen Interview mit der "Bild"-Zeitung Geschlossenheit demonstrieren. Eine Woche später sollte die Anzeigenkampagne starten. Bewusst wurde der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) eingebunden. Dann sprachen Großmann, Teyssen, aber auch befreundete Industriegrößen wie BDI-Chef Hans-Peter Keitel oder Thyssen-Chef Ekkehard Schulz potenzielle Unterstützer persönlich an. Meist mit Erfolg, einige wie Siemens-Chef Peter Löscher winkten aber ab.

Mit einem Schreiben wurde Angela Merkel von dem Vorhaben informiert. Die nahm das zur Kenntnis, abhalten lassen hätten sich die Energiechefs aber nicht mehr. "Als große Unternehmen mit sehr vielen Beschäftigten sind wir Teil der Gesellschaft und nehmen selbstverständlich auch an öffentlichen Diskussionen zu uns betreffenden Themen teil" – so spielte E.on-Chef Johannes Teyssen gestern den Affront gegenüber dem Handelsblatt herunter. Um dann höflich noch einmal darauf hinzuweisen, dass es sich quasi um pure Notwehr gehandelt habe.

"Wir mussten allerdings feststellen, dass unsere Argumente oft nur verkürzt aufgegriffen wurden", so der Manager. Und: "Dem wollten wir, gemeinsam mit zahlreichen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft, durch den Appell entgegenwirken."

Erfolge werden nicht gefeiert, sondern heruntergespielt

Teyssen hält sich geradezu mustergültig an eine eiserne Regel im Lobbygeschäft: Erfolge werden nicht gefeiert – sondern heruntergespielt.

Der Erfolg des Aufbegehrens liegt dabei voll im Trend: Denn Unternehmen finden sich immer öfter zu neuen, auch branchenübergreifenden Interessengruppen zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt die Hans Böckler Stiftung in einer Studie zum Thema "Lobbying von Unternehmen".

Das hat Konsequenzen: Allein in Berlin gibt es inzwischen mehr als 100 Firmenrepräsentanten, beinahe alle Dax-30-Unternehmen sind vor Ort. Die Folge: Das Know-how der Unternehmen über politische Prozesse und deren Korrigierbarkeit ist in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Das Vorgehen der Energiebosse belegt das eindrucksvoll. Über deren Anzeigenkampagne berichtete selbst die Boulevardpresse – obwohl das normalerweise nicht zu ihrem klassischen Repertoire gehört.

Das Engagement der Wirtschaft hat einen handfesten Hintergrund: "Die politischen Rahmenbedingungen werden für den Unternehmenserfolg immer wichtiger", sagt Klaus Dittko, Geschäftsführer der PR-Agentur Scholz & Friends Agenda. Lobbyarbeit wird also zur Chefsache.

Und folglich müssen die Bosse mitunter direkt an die Front. "Das hat natürlich den unangenehmen Effekt, dass sie auch die direkte Rückkopplung abbekommen", sagt Pleon-Partner Frank Behrendt. Doch nicht jeder CEO ist medial vorzeigbar und verträgt viel Feedback. Diese Kriterien aber haben längst Einfluss auf die künftige Wahl der Unternehmenschefs, versichern Personalberater.

Auch die Tonlage der Lobbyisten hat sich verändert. "Sie ist viel lauter geworden, und die Argumente sind weitaus zugespitzter – anders dringt man medial nicht mehr durch", sagt Pleon-Partner Behrendt. Fernab des lauten Getrommels gibt es allerdings weiterhin die leisen Gespräche, auch wenn sie seltener werden. "Denken Sie nur an die Hotels und die Mehrwertsteuer, da hat man nichts von mitbekommen", sagt Michael Schröder, Geschäftsführer der PR-Agentur WBPR.

(Erschienen im Handelsblatt)