Eine Handvoll Menschen arbeitet in den Produktionshallen der Firma Kathi in Halle an der Saale, wenn die Nachmittagsschicht läuft. Gekleidet in weiße Kittel, das rote Firmenemblem auf der linken Brust, mit feinen Gazehauben auf dem Kopf und ohne jeden Schmuck – so will es die Hygienevorschrift – sortieren sie Tütchen mit Backzutaten auf ein Förderband, überwachen die Produktionsabläufe am Computer oder hieven fertig verpackte Backmischungen auf Paletten. Den Rest erledigen Maschinen. Gerade wird, passend zur Jahreszeit, die Mischung "Schwedische Apfeltorte" zusammengestellt.

Die Kathi Rainer Thiele GmbH stellt Backmischungen her, für Brote, Kuchen und Kleingebäck. Es ist ein Unternehmen mit Tradition: Im Jahr 1951 gegründet, 1972 zwangsenteignet und vor rund zwanzig Jahren reprivatisiert, hat der Familienbetrieb den Sprung in die Marktwirtschaft geschafft. Die Produkte der Firma sind unspektakulär. Doch selbstständige Betriebe wie Kathi könnten der Schlüssel sein für den wirtschaftlichen Erfolg Ostdeutschlands, sagt der Hallenser Wirtschaftsforscher Udo Ludwig.

Seit den Neunzigern stockt der Aufholprozess der Region. Zwar folgte auf den Zusammenbruch der Industrie ein Bauboom; er trieb die Wirtschaft eine Zeitlang an. Auch Industrie und Dienstleistungen erholten sich – doch irgendwann kam der Aufholprozess zum Erliegen . Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung liegt die Pro-Kopf-Produktion des verarbeitenden Gewerbes in Ostdeutschland immer noch um 30 Prozent unter westdeutschem Niveau.

Ökonomen benennen viele Ursachen für den Rückstand: eine falsche Förderpolitik beispielsweise, eine wenig leistungsfähige Branchenstruktur im Osten oder die geringe Größe der dortigen Unternehmen, die einhergeht mit einer niedrigen Exportorientierung und geringen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Udo Ludwig kennt die Diskussion. Er will die Debatte in eine andere Richtung lenken, weg von der Analyse begangener Fehler, hin zu den Chancen der Politik.

Die ostdeutsche Wirtschaft ist geprägt durch verlängerte Werkbänke: Unternehmen, deren Hauptsitz in Westdeutschland oder im Ausland liegt , eröffnen hier ihre Filialen. Doch die Filialen haben zwei entscheidende Nachteile, sagt Ludwig: Sie schöpfen vergleichsweise wenig Wert in der Region, und sie sind Befehlsempfänger ihrer Zentralen – und als solche im Zweifelsfall schnell aus der Region verschwunden, sofern es dem Gesamtunternehmen nützt.

Anders die "Eigenständler", wie Ludwig sie nennt. Das sind Betriebe in ost- oder westdeutscher Hand, deren Hauptsitz im Osten liegt. Eigenständler können unabhängig von auswärtigen Zwängen agieren. Berücksichtigt man nur die Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten, stellen sie schon jetzt zwei Drittel aller Jobs in der Region. Sie arbeiten zwar nicht so effizient wie die Filialbetriebe; Eigenständler in ostdeutscher Hand sind zudem in der Forschung und Entwicklung deutlich schwächer. Doch gerade im Rückstand steckt das Potenzial der Eigenständler, argumentiert der Ökonom: "Werden sie effizienter und innovativer, können sie wachsen und neue Jobs schaffen. In den Eigenständlern liegt die Chance zur eigenständigen Entwicklung Ostdeutschlands." Die Förderpolitik solle sich deshalb auf sie konzentrieren.

Eine Maschine schiebt die Kartons zusammen, bevor sie auf Paletten gesetzt werden