Mit Wut im Bauch fährt Uwe Bening täglich zur Arbeit. So sehr er sich auch anstrengt, den Frust zu unterdrücken, das dumpfe Gefühl kommt immer wieder hoch. Dabei liebt Bening seine Arbeit. Der Diplom-Psychologe betreut behinderte und psychisch kranke Menschen in einer Werkstatt des niedersächsischen Caritas-Vereins Altenoythe. Bening macht sie fit für den Arbeitsmarkt und hilft ihnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der 52-Jährige könnte glücklich sein. Wenn da nicht die Sache mit dem Arbeitsvertrag wäre.

Bening fühlt sich vom Caritas-Verein, dem "Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche", wie sich der Verein nennt, über den Tisch gezogen. Vor Jahren hat der Akademiker die Stelle schon einmal besetzt, damals noch als Schwangerschaftsvertretung. Er war direkt beim Verein angestellt und verdiente 3600 Euro brutto für eine 35-Stunden-Woche. Gerne hätte Bening die Stelle behalten. Doch nach seiner Vertretungszeit wurde sein Vertrag nicht verlängert.

2008 erhielt er ein weiteres Angebot der Caritas. Zuerst freute er sich, doch mit den Vertragsdetails kam der Ärger. Denn dieses Mal stellte ihn nicht der Verein selbst, sondern die "Caritas Verein Altenoythe Dienstleistungsgewerkschaft" (CVA-D) ein. Seither ist Uwe Bening Leiharbeiter. Für die gleiche Tätigkeit verdient er heute 800 Euro im Monat weniger. Seinen Frust will er nicht länger herunter schlucken: "So wie ich sind viele Kollegen über die unfaire Beschäftigung wütend. Viel Energie verpufft und landet nicht da, wo sie gebraucht wird: bei unseren Patienten."

Wie der Psychologe arbeiten nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di inzwischen 240 Menschen als Leiharbeiter für die Caritas Altenoythe, ein Drittel der gesamten Belegschaft. Hinter dem Einsatz der vielen Leiharbeiter stecke System, meint Gewerkschafterin Jannette Scheele: "Die Caritas fängt mit den Leiharbeitern nicht mehr nur Auftragsspitzen ab, sondern besetzt mit ihnen systematisch feste Planstellen", sagt sie. Neue Mitarbeiter stelle der Verein nur noch über die Zeitarbeitsfirma ein. Denn für Leiharbeiter wie Uwe Bening gilt der "Tarifvertrag Zeitarbeit". Der schreibt 20 bis 40 Prozent niedrigere Löhne vor als die Arbeitsrichtlinien der Caritas für Festangestellte.

Auf Anfrage von ZEIT ONLINE wollte die Caritas Altenoythe dieses Vorgehen nicht kommentieren. Ihr Bundesverband distanzierte sich jedoch von den Praktiken: "Wir wünschen uns, dass alle Caritas-Beschäftigte fest eingestellt werden. Was einzelne Ortsvereine machen, können wir jedoch nicht beeinflussen", sagt Claudia Beck vom Deutschen Caritasverband.

Die Caritas Altenoythe ist nur ein Beispiel. In der gesamten Gesundheitsbranche wächst der Anteil der Leiharbeitnehmer. Arbeiteten im Jahr 2004 noch 3500 Menschen als Leiharbeiter in Gesundheitsdienstberufen, waren es im Juni 2009 laut Bundesagentur für Arbeit bereits 19.246 Menschen. Zwar ist der Anteil der Leiharbeiter an den 1,2 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen noch gering. Einer aktuellen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge wird ihre Bedeutung aber weiter zunehmen.

Eigentlich müsste das nicht schlimm sein. Vielerorts herrscht ein Fachkräftemangel in den Pflegeberufen . Mit Leiharbeitnehmern können chronisch unterbesetzte Krankenhäuser, Kliniken und Heime kurzfristige personelle Engpässe abfangen. Solange die Firma ihre Leiharbeitnehmer nur übergangsweise einstellt und fair bezahlt, haben auch die Gewerkschaften nichts zu beanstanden.