Mehrere Tage hatten die Bundesbanker gezögert, nun haben sie sich zu einem historischen Schritt entschlossen: Der Vorstand will sich von seinem umstrittenen Mitglied Thilo Sarrazin trennen und hat deshalb Bundespräsident Christian Wulff um dessen Abberufung gebeten. Der Beschluss sei einstimmig getroffen worden.

Wie die Bundesbank weiter mitteilte, wurden auch die Zuständigkeiten im Vorstand neu verteilt. Sarrazin wurden alle Aufgabengebiete entzogen – mit sofortiger Wirkung. Bislang war der frühere Berliner Finanzsenator für die Bereiche Revision, Risiko-Controlling und Informationstechnologie zuständig gewesen.

Der Vorgang ist ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesbank, deren Vorstand unabhängig agiert. Zwar werden die sechs Mitglieder von Bund und Ländern in das Gremium berufen. Sie können aber von diesen nicht mehr entlassen werden. Das Recht der Abberufung einzelner Mitglieder steht – auf Antrag des Bundesbankvorstands – allein dem Bundespräsidenten zu.

Wulff kündigte an, den Antrag zu prüfen. Bis zu einer Entscheidung könne er keine weitere Stellung beziehen. Zuletzt hatte auch er in die Debatte eingeschaltet und die Bundesbank zum Handeln aufgefordert. "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet – vor allem auch international", hatte er gesagt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte das Votum der Bundesbank. Nach Angaben eines Regierungssprechers habe sie "die unabhängige Entscheidung des Bundesbankvorstandes mit großem Respekt zur Kenntnis genommen". Am Wochenende hatte sie der Bank nahegelegt, die Personalie zu diskutieren. Bislang hatte die Notenbank den früheren Berliner Finanzsenator gerügt und ihn später zum Rapport bestellt.

Die Bundesbank reagierte mit ihrem Antrag auf die anhaltende Kritik an ihrem Vorstandsmitglied. Sarrazin hatte in seinem Buch Deutschland schafft sich ab eine Reihe von umstrittenen Thesen aufgestellt, darunter die einer angeblich mangelnden Integrationsfähigkeit von Migranten. Außerdem sorgte er mit Äußerungen über ein angebliches Juden-Gen für Kritik und Empörung.

Auch in seiner Partei ist Sarrazin nicht mehr erwünscht. Die SPD hat gegen ihn ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Parteichef Sigmar Gabriel nannte die Entscheidung des Bundesbankvorstands "eine konsequente Entscheidung".