Vor wenigen Wochen bekam Joachim Möller prominenten Besuch. Eine Delegation von Ökonomen der Industrieländerorganisation OECD gastierte in Nürnberg, wo der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sein Büro hat. "Die sind gekommen, um hinter die Kulissen zu schauen", sagt Möller. "Um zu lernen, wie wir das in Deutschland gemacht haben".

Der Arbeitsmarktforscher macht diese Erfahrung im Moment öfter. Vor allem in den USA interessiert man sich plötzlich auffällig oft für die Deutschen und wie es ihnen gelungen ist, diese gewaltige Wirtschaftskrise so gut zu überstehen. So schnell . Mit so wenig Arbeitslosen. Möller forscht seit Jahrzehnten zum deutschen Arbeitsmarkt und er kann sich erinnern, dass das früher anders war. Da kamen die Amerikaner vor allem mit guten Tipps nach Deutschland wie man den Arbeitsmarkt schneller machen könnte. Und flexibler. Das ist jetzt vorbei. "Deutschland ist heute eher ein Vorbild", sagt Möller.

Der Grund dafür sind die unterschiedlichen Erfahrungen, die Amerika und Deutschland in der Krise machen. In Deutschland ist die Lage am Arbeitsmarkt mittlerweile sogar wieder besser als vor der Rezession. Es sind weniger Menschen arbeitslos, die Beschäftigung steigt, und langsam auch die Löhne. Auch in den USA wächst die Wirtschaft wieder, die Rezession ist seit rund 16 Monaten vorbei. Aber der Aufschwung ist zu schwach, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das Gegenteil geschieht: Seit dem Ende der Rezession sind mehr Jobs verschwunden als neue entstanden. Im September schufen die privaten Firmen gerade einmal 64.000 Jobs. Lächerlich wenig bei rund acht Millionen Arbeitsplätzen, die in der Krise verschwanden.

Amerika erlebt eine Erholung ohne Jobs – jobless growth , wie die Amerikaner es nennen. Andere Ökonomen warnen gar von einer jobless era , einer langen Phase mit hoher Arbeitslosigkeit. Plötzlich sind die Amerikaner in einer Situation, die man bislang vor allem in Europa kannte. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen liegt seit Monaten so hoch wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Es gibt ein Heer älterer Arbeitnehmer, das plötzlich nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurück findet. Die offizielle Arbeitslosenquote verharrt bei rund 9,6 Prozent – obwohl die Konjunkturmilliarden Barack Obamas die Zahl längst unter acht Prozent drücken sollten. Rechnet man alle hinzu, die nur noch stundenweise eine Beschäftigung finden, liegt die Arbeitslosenquote sogar bei 18 Prozent.

Was die Sache so gravierend macht: Der Arbeitsmarkt reagiert anders als in früheren Krisen. Bislang galt die Regel: Wenn in Amerika Jobs verloren gingen, waren sie meist schnell wieder da. Richtig schlimm traf es den Arbeitsmarkt zum Beispiel im Jahr 1982. Damals sprang die Arbeitslosigkeit in der Rezession zeitweilig auf knapp elf Prozent. Danach ging es aber wieder bergauf – und zwar ziemlich schnell. In den Jahren 1991 und 2001 dauerte die Erholung am Arbeitsmarkt zwar etwas länger, dafür war der Absturz auch weniger heftig. Diesmal aber ist der Einschnitt tief und eine Erholung nicht in Sicht. "Was diese Rezession wirklich besonders macht, ist das Ausmaß der Arbeitslosigkeit und die Langsamkeit, mit der wir uns erholen", zititert die New York Times den amerikanischen Arbeitsmarktökonomen Robert J. Gordon. "Das gab es bislang noch nie".