Die Verlängerung des Ausbildungspakts bis 2014 wird von der Regierung und den beteiligten Verbänden als Erfolg verkauft. Doch in Wirklichkeit ist das Papier eine reine Absichtserklärung. Gerade die Wirtschaft nimmt ihre Verantwortung gegenüber den Schulabgängern nur unzureichend wahr. Damit schaden die Unternehmen sich auf lange Sicht selbst, denn das Kräfteverhältnis am Ausbildungsmarkt ändert sich gerade grundlegend. Die Arbeitgeber verlieren ihre Macht – sie haben es anscheinend nur noch nicht gemerkt.

Bis vor wenigen Jahren konnten sich die Firmen noch die Besten unter den Bewerbern herauspicken. Alle anderen stempelten sie als nicht geeignet für eine betriebliche Ausbildung ab. Viele Firmen verzichteten sogar ganz auf die Ausbildung im eigenen Betrieb, schließlich lieferte der Arbeitsmarkt ständig qualifizierte Bewerber nach.

Die Taktik funktioniert nicht mehr. Die Zahl die Schulabgänger sinkt, während die Nachfrage nach Fachkräften steigt. So blieben im vergangenen Jahr laut DIHK etwa 45.000 Lehrstellen unbesetzt.

Um diesen Trend aufzuhalten und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden, muss die Wirtschaft umdenken. Künftig werden sich die Unternehmen beim Nachwuchs bewerben müssen, nicht umgekehrt. Sie müssen stärker als bislang in die Schulen gehen, Praktika anbieten und aktiv an der Berufsvorbereitung mitwirken. Um Lehrstellen zu besetzen, müssen sie auch schwächere Bewerber annehmen, und sie im Betrieb fit für den Job machen.

Wer gute und qualifizierte Mitarbeiter will, muss sich anstrengen. Bei einigen Unternehmen findet dieser Wandel schon statt, aber für die meisten Firmen liegt die Bringschuld immer noch bei Bewerbern und Schulen. Das wird sich rächen.

Potenzielle Lehrlinge gibt es genug: Zehntausende Jugendliche werden Jahr für Jahr in Warteschleifen geschickt, machen ein Praktikum oder nehmen an einer berufsvorbereitenden Maßnahme teil, weil ihnen niemand eine Lehrstelle anbietet. In der Altersgruppe der 20 bis 29-Jährigen besitzen 1,5 Millionen keine berufliche Qualifikation. In ihre Ausbildung zu investieren, mag anfänglich mehr Geld kosten als den Firmen recht ist. Aber es würde sich auszahlen.