Frage: Herr Utz, was hat sich in dem ersten Jahr seit Gründung der Desertec Industrieinitiative (DII) bei Siemens getan?

Utz: Wir haben hausintern begonnen, die Technologien zu bündeln, um Desertec-artige Projekte näher an die Umsetzung zu bringen. Dazu habe ich viele Abteilungen in unserem Konzern besucht, um herauszufinden, was Siemens beisteuern kann.

Frage:Was denn zum Beispiel?

Utz: Für Desertec brauchen wir Anlagen zur Stromerzeugung mit Sonne und Wind, andere zur Einspeisung in Netze aber auch Stromautobahnen, um die Energie ins europäische Netz zu bringen. All diese Technologien haben wir bei Siemens, aber verteilt über viele Bereiche. Ich nehme die Fäden innerhalb unserer Organisation auf und führe sie zusammen.

Frage: Das heißt, sie waren noch nicht länger in der Wüste, um dort an ersten Kraftwerken zu schrauben. 

 Utz: Nein, auch wenn der Eindruck entstanden sein mag, als das Desertec-Projekt vor gut einem Jahr einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Da stürzten sich viele auf die 400 Milliarden Euro, die innerhalb von Jahrzehnten investiert werden sollen. Viele haben die Summe wie einen monolithischen Block gesehen. Das ist sie nicht. Desertec ist ein Konzept, um im großen Stil Strom aus erneuerbaren Quellen in der Mena-Region, also im Mittleren Osten und Nordafrika zu erzeugen und damit diese Region und Europa mit sauberem Strom zu versorgen. Das Konzept ist bis 2050 angelegt. Wer jetzt hofft, schon im nächsten Jahr überall große Kraftwerke zu sehen, dem muss man sagen: Das wird technisch und organisatorisch nicht möglich sein.

Frage: Wo gab es noch Missverständnisse?

Utz: Wir mussten viel Energie darauf verwenden, den deutschen Anstrich loszuwerden, den die Desertec-Initiative zunächst zweifellos hatte. Aber über die Monate konnten wir Partner aus Spanien, Italien, Frankreich und Nordafrika hinzugewinnen. Das hilft der gemeinsamen Sache.

Frage: Die Franzosen sind trotzdem nervös.

Utz: Gut, im Sommer hat sich die Initiative Transgreen gegründet, die trägt einen französischen Federstrich. Das Projekt hat vor allem die Stromnetze im Blick. Mittlerweile arbeiten die Unternehmen der DII und Transgreen sehr gut zusammen. Wir begrüßen das ausdrücklich. Siemens ist auch bei Transgreen Mitglied.

Frage: Wie gehen Sie jetzt weiter vor?

Utz: In zwei Stoßrichtungen: In Europa müssen wir darauf hinwirken, dass die Politik einen regulativen Rahmen setzt, in dem überhaupt erlaubt wird, dass erneuerbar erzeugter Strom über Grenzen hinweg transportiert und vergütet werden kann. Und in Nordafrika müssen wir um Unterstützung werben, indem wir erklären, was da für Chancen in dem Projekt stecken, wie die Technik funktioniert und dass das Projekt heute bereits machbar ist und nicht erst in 20 oder 30 Jahren.