Deutschland lässt die Wirtschaftskrise nach Ansicht der führenden Ökonomen deutlich schneller als gedacht hinter sich. Wie die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten voraussagten, wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 3,5 Prozent steigen, im kommenden Jahr dann nochmals um 2,0 Prozent. Mit ihrer neuen Prognose liegen die Forscher deutlich über den bisherigen Schätzungen: Im Frühjahrsgutachten hatten sie für 2010 noch ein Wachstum von 1,5 Prozent vorausgesagt.

Die Experten sind sich sicher, dass der Aufschwung auch die Arbeitslosenzahl 2011 im Schnitt auf unter drei Millionen sinken lassen wird. Damit würde die Arbeitslosenquote nur noch sieben Prozent betragen – so wenig wie seit 1992 nicht mehr. Der Boom werde auch wieder Geld in die Staatskasse bringen und die Schulden senken. Die Defizitquote werde dieses Jahr noch bei 3,8 Prozent liegen, 2011 aber auf 2,7 Prozent sinken, womit Deutschland die Maastricht-Kriterien der EU dann wieder einhalten würden – zwei Jahre früher als geplant.

Zugleich gehen die Wirtschaftsforscher davon aus, dass die Preise wegen des Booms nicht mehr so langsam steigen werden wie im vergangenen und in diesem Jahr: Für 2011 gehen sie von einer Inflationsrate von 1,6 Prozent aus. Im vergangenen Jahr hatte die Inflationsrate noch bei 0,4 Prozent gelegen.

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Grund für die rasante Entwicklung der Wirtschaft sei, dass die weltweite Nachfrage nach deutschen Gütern zu Jahresbeginn massiv zugenommen hat. Dieser Boom, der vor allem von den Schwellenländern getragen wird, schwäche sich aber ab. Daher komme den deutschen Verbrauchern eine Schlüsselstellung zu. Sie haben zuletzt nach jahrelanger Zurückhaltung wieder mehr Geld ausgegeben und sind den Forschern zufolge zu einer wichtigen Stütze des Wachstums geworden. Der Boom am Arbeitsmarkt werde wohl dazu führen, dass dieser Trend weiter anhält.

Deutschland ist Aufschwungland
Wirtschaftsminister Brüderle zim Herbstgutachten

Als Folge davon könnten sich die Arbeitnehmer nach Ansicht der Wirtschaftsforscher 2011 auf kräftige Lohnerhöhungen freuen. Die Bruttolöhne und -gehälter dürften im kommenden Jahr um 2,8 Prozent steigen, heißt es im Herbstgutachten. Das verfügbare Einkommen, in das neben Löhnen auch Sozialleistungen oder Kapitalerträge einfließen, steige im nächsten Jahr um 2,8 Prozent, nach Abzug der Teuerung bleibe ein Plus von 1,4 Prozent übrig. Dadurch dürften neben der Anschaffungsbereitschaft der privaten Haushalte auch die Ausgaben für Wohnungsbauinvestitionen zunehmen.

Die Wirtschaftsforscher warnen in ihrem Gutachten allerdings zugleich vor zahlreichen Gefahren, die den Aufschwung abwürgen könnten . "Die strukturellen Risiken sind noch nicht überwunden", schreiben die Forscher. In Ländern wie Irland, Spanien und Großbritannien gebe es weiter eine hohe Verschuldung. Dies könne sich nicht nur auf die deutschen Exportchancen auswirken.

Da die Bundesrepublik über den EU-Rettungsschirm für schwere Krisen in diesen Ländern einstehen müsste, würden sich diese auch stark auf Deutschland auswirken. Zudem seien Verschuldung und Arbeitslosigkeit in den USA weiter sehr hoch. Auch eine Immobilienblase in Teilen Chinas, das mit seiner Nachfrage nach deutschen Autos und Maschinen bisher den Boom befeuert, sei ein Risiko.

Eine Alternative zum Konsolidierungskurs der Regierung sehen die Gutachter deshalb nicht. Denn die aus dem Aufschwung resultierende Haushaltsentlastung vermindert nicht die dauerhafte – strukturelle – Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben des Staates. Die Einführung der Schuldenbremse sei der richtige Weg. Um diese einzuhalten, müsse die Koalition sogar ihre Anstrengungen verstärken und etwa konkretisieren, wie auch 2015 und 2016 der erforderliche Defizitabbau erreicht werden soll.

Die Bundesregierung sieht sich von den Prognosen der Wirtschaftsforscher in ihrer Politik bestärkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte das Gutachten "erfreulich". Sie fühle sich sehr dadurch unterstützt, dass die Experten die Stabilitätskultur in Europa als außerordentlich wichtig charakterisiert hätten, sagte die CDU-Vorsitzende. Dies sei eine Ermutigung, "für weitergehende Maßnahmen in Richtung auf Vertragsänderungen in Europa einzutreten, damit der Stabilitäts- und Wachstumspakt umgesetzt werden kann".

Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle geht nach der Vorlage des Expertise von einem Anhalten des Aufschwungs aus. "Alle Indikatoren sind so gestellt, dass wir weiteres Wachstum haben", sagte der FDP-Politiker am Rande seiner Asien-Reise im japanischen Nagoya. "Der XL-Aufschwung geht weiter." Offiziell geht die Regierung bislang noch von 1,4 Prozent Wachstum in diesem Jahr aus. Brüderle hatte inzwischen aber mehrfach gesagt, er rechne mit einem Wachstum von deutlich über zwei Prozent. Die Regierung stellt ihre neue Wachstumsprognose in der kommenden Woche vor. Vergangenes Jahr hatte es noch ein Minus von 4,7 Prozent gegeben.