Der Konjunkturmotor brummt, die Bevölkerung wird immer älter: Für hiesige Arbeitgeber und Unternehmen sind dies nur zwei Gründe, warum Deutschland auf ausländische Fachkräfte angewiesen ist. Die zuständigen Verbände warnten deshalb davor, mit der Einwanderungsdebatte die dringend benötigten Arbeitskräfte zu vergraulen.

"Wir sind alle verpflichtet, die Diskussion so zu führen, dass negative Auswirkungen auf Interessenten anderer Länder nicht entstehen", sagte Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt. Der Fachkräftemangel werde mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und durch den demografischen Wandel noch verstärkt. Deutschland benötige auch in Zukunft Fachkräfte aus dem Ausland.

Hundt bekräftigte zwar, dass in Deutschland alles getan werden müsse, um die vorhandenen Arbeitskräfte zu nutzen. "Die Ausbildungsreife der Jugendlichen muss ebenso gesteigert werden wie die Beschäftigung Älterer und von Frauen." Auch das Potenzial junger Menschen ausländischer Herkunft sei nicht ausgeschöpft. Aber darüber hinaus würden auch in Zukunft qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland benötigt. "Deutschland muss auch im Wettbewerb um die klügsten und besten Köpfe erfolgreich sein."

Ähnlich äußerte sich August-Wilhelm Scheer, Präsident des Internetverbandes Bitkom. "Die Forderung nach einem Zuwanderungsstopp aus bestimmten Kulturkreisen ist das absolut falsche Signal, nach innen wie nach außen", sagte er dem Handelsblatt und forderte die Politik auf, die seit Monaten tobende Diskussion zu beenden. "Deutschland ist ein offenes, innovationsstarkes Land, das kluge, engagierte Menschen einlädt", so der Verbandspräsident.

Damit widersprechen die Experten Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, ohne diesen jedoch namentlich zu erwähnen. Der CSU-Chef hatte für einen Einwanderungsstopp aus "anderen Kulturkreisen" plädiert. Unterstützung erhält er von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  und vor allem aus seiner eigenen Partei. Der Integrationsbeauftragte der Unionsfraktion, Stefan Müller, warnte ebenfalls vor einer "unkontrollierten und massenhaften Zuwanderung". Diese helfe niemanden. Zudem müssten erst die rund drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland optimal nachqualifiziert werden.

Dieser Auffassung widerspricht der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Ihm zufolge ist eine gesteuerte Einwanderung ausländischer Spitzenkräfte unumgänglich. Die Forderung der Union, entsprechendes Personal in erster Linie aus den bestehenden Langzeitarbeitslosen zu rekrutieren, bezeichnete der BA-Chef als unrealistisch. "Fachkräfte für sehr qualifizierte Jobs sind aus dieser Gruppe kaum zu gewinnen." Nötig sei stattdessen "eine gesteuerte Zuwanderung, etwa mithilfe eines Punktesystems wie in Kanada".

Damit stellte sich der Arbeitsmarktexperte hinter eine entsprechende Forderung der FDP. Auch Arbeitgeber-Präsident Hundt plädierte für "ein transparentes Punktesystem mit klaren Kriterien wie Qualifikation, Berufserfahrung und Sprachkenntnissen". Es sei unzureichend, dass im vergangenen Jahr gerade einmal 142 Hochqualifizierte aus dem Ausland eine Niederlassungserlaubnis in Deutschland erhalten hätten.

Im Gegensatz zu ihrem Koalitionspartner hat die CDU allerdings große Vorbehalte für ein solches Verfahren. Dennoch werben die Liberalen dafür, die Hürden für die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte abzusenken. FDP-Generalsekretär Christian Lindner monierte, dass die etwa derzeit geltende Einkommensgrenze zu hoch sei, "so hoch, dass sie kein Berufseinsteiger aus dem Ausland erreichen könne". Eine Änderung des Einwanderungsrechts an dieser Stelle "wäre ein konkreter erster Schritt in die richtige Richtung".