Frage: Herr Strauss-Kahn, der Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini sieht die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Rezession in den USA bei stattlichen 40 Prozent. Droht der gefürchtete "double dip"?

Strauss-Kahn: Ich habe nie wirklich verstanden, wie solcherlei Prognosen berechnet werden. Nouriel Roubini ist ein sehr guter Ökonom. Aber er bewegt sich eigentlich immer auf der pessimistischen Linie. Unsere Wirtschaftsprognose ist, dass sich die Erholung fortsetzt. Vielleicht nicht ganz so stark wie wir das gehofft hatten. Doch ist eine Erholung auf jeden Fall viel wahrscheinlicher als eine erneute Rezession.

Frage: Dabei hat sich die globale Krise verändert. Von einer Finanzkrise sind wir in eine Krise der Arbeit geraten...

Strauss-Kahn: Ja, ich sage das schon seit längerem. Die erste Krise war eine Finanzkrise im Bankensektor, dann kam die Wachstumskrise und jetzt erleben wir eine Arbeitslosenkrise. Das ist die größte Sorge, die wir heute haben.

Frage: Wie viel Wachstum brauchen wir, damit Jobs entstehen?

Strauss-Kahn: Das hängt jeweils vom Land ab. Global erwarten wir rund fünf Prozent Wachstum dieses Jahr, was nicht schlecht ist. Aber das Wachstum ist sehr ungleich verteilt. Sehr dynamisch ist es in Asien, aber auch in Südamerika. Gut sind auch die Daten aus Afrika. Nicht besonders gut dagegen ist das Wachstum in Europa. Und eine große Unsicherheit besteht hinsichtlich der USA.

Frage: Was muss jetzt getan werden? Ausgabenstopp, Steuern erhöhen, um damit die massive Verschuldung abzubauen?

Strauss-Kahn: Das wäre als Rezept zu einfach. Schließlich unterscheidet sich die Situation heute erheblich von jener zu Beginn der Krise. Da standen fast alle Länder mehr oder weniger vor dem gleichen Problem. Sie mussten ein Konjunkturpaket schnüren, das mal größer und mal kleiner war. Jetzt aber ist die Lage individuell ganz unterschiedlich. Manche Länder haben ihre Verschuldung gut im Griff, andere befinden sich dagegen in höchster Gefahr. Jedes Land muss je nach eigener Lage handeln.

Frage: Was sollten die USA tun?

Strauss-Kahn: Die USA sollten den Fuß nicht zu schnell vom Gaspedal nehmen, weil das private Wachstum noch nicht das öffentliche Wachstum ersetzt hat. Das gilt für die USA und im Übrigen auch für den Rest der Welt.

Frage: Deutschland dagegen freut sich seit ein paar Monaten über ein kleines Wirtschaftswunder. Jetzt sagt der IWF allerdings voraus, dass es damit schon bald wieder vorbei sein kann. Nach erwarteten 3,3 Prozent dieses Jahr könnte sich das Wachstum 2011 deutlich auf zwei Prozent abschwächen. Erleben wir nur ein Strohfeuer?

Strauss-Kahn: Ich glaube es wäre ein bisschen zu früh, von einem Wunder zu sprechen. Das zweite Quartal war in der Tat sehr gut. Aber wir wissen noch nicht, ob das der Beginn eines neuen Wachstumsmodells für Deutschland ist - was ich bezweifle - oder nur eine Art "Kalendereffekt". Sobald wir die Zahlen der nächsten Quartale kennen wird das klarer. Aber sicher wird 2010 ein gutes Jahr. Nur haben wir eben nicht viel Anlass zu erwarten, dass 2011 genauso gut wird. Im zweiten Quartal waren nahezu alle Branchen im grünen Bereich - nur wie oft geschieht es, dass die Dinge so günstig zusammenfallen?

Frage: Dennoch: Experten reiben sich die Augen und fragen sich, was in Deutschland vor sich geht...

Strauss-Kahn: Was Deutschland nie vergessen sollte: 75 Prozent der Export-Überschüsse werden innerhalb der Eurozone erzielt. Und wir haben eine schwache Eurozone, da kann man nicht noch mehr exportieren. Natürlich könnte Deutschland mehr nach Brasilien oder China verkaufen. Aber Exportstrukturen ändern sich nicht über Nacht. Und so, wie sich die deutsche Volkswirtschaft heute darstellt, ist sie eben eng mit dem Zustand der Eurozone verknüpft.