Eineinhalb Jahre nach seinem unfreiwilligen Abschied von der Bahn-Spitze sitzt Hartmut Mehdorn gelöst in einem Berliner Café. In Pullover und Jackett redet der 68-Jährige erstmals über den Protest gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Dass viele heute mit seinem Wirken hadern, ficht ihn nicht an. In der Sache diskutiert Mehdorn leidenschaftlich wie immer – die breiten Hände trommeln auf dem Tisch, er ruft, gestikuliert, zieht Grimassen. Über das aktuelle Geschäft der Bahn will er nichts sagen. "Der Rüdiger Grube macht das gut, da mische ich mich nicht ein", erklärt er.

Frage: Herr Mehdorn, wie geht’s? Was machen Sie?

Mehdorn: Danke, mir geht es gut. Ich berate internationale Unternehmen zu Logistik, Bahn und Verkehrsfragen. Ich arbeite in ein paar Aufsichtsräten mit, wofür ich jetzt mehr Zeit habe. Das hält fit und macht Spaß.

Frage: Kritiker sagen: Das Mehdorn-Erbe ist mehr als schwierig, gut, dass seine Zeit vorbei ist. Trifft Sie das?

Mehdorn: Wer Dinge verändert, hat immer Kritiker. Wir haben viel verändert, also lebe ich mit Kritik. Ich stehe zu den Entscheidungen, die in meine Zeit gefallen sind. Sie waren damals richtig, und sie sind es heute, der Erfolg der Bahn zeigt das. Dass man nie fertig wird bei der Verbesserung, zum Beispiel des Kundenservice, wussten wir auch ohne Kritiker immer.

Frage: Nehmen wir Stuttgart 21 . Die Gegner sagen, Sie hätten das Projekt ohne Rücksicht auf die Bürger durchgedrückt. Haben Sie?

Mehdorn: Das ist einfach nicht richtig. Wir haben uns an alle Regeln und Gesetze gehalten. In meinen zehn Bahn-Jahren haben wir mehr als 60 Alternativen ernsthaft geprüft, einschließlich der von den Gegnern heute propagierten Variante Kopfbahnhof 21. Es gab hunderte große und kleine Veranstaltungen und an die 25 aufwendige Gutachten von externen Experten. Gespräche wurden auf allen politischen Ebenen geführt. Das hat viel Zeit und Geld gekostet – und am Ende stets zu einem Ergebnis geführt. Wir haben fast 6000 Einsprüche von Bürgern oder Gruppierungen bearbeitet und gerichtlich geklärt. Es gab eine ständige Ausstellung im Hauptbahnhof. Seit Jahren ist im Internet fast jedes Detail zu finden.

Frage: Heiner Geißler, der Schlichter, spricht dennoch von Basta-Entscheidungen.

Mehdorn: Das ist schon sehr verwunderlich, denn es gab über 15 Jahre immer breite Mehrheiten in allen Gremien, ob Gemeinde, Stadtrat, Landtag bis hin zum Bundestags-Verkehrsausschuss, in dem mehr als 75 Prozent der Abgeordneten für das Projekt gestimmt haben. Da von Basta zu reden ist abwegig. 2005 – übrigens in der Regierung Schröder, da waren Jürgen Trittin und Renate Künast noch Minister – hat Berlin zugestimmt. Wenn die Grünen jetzt etwas anders behaupten, führen sie die Leute wissentlich in die Irre.

Frage: Warum ist der Streit derart eskaliert?

Mehdorn: Ende der achtziger Jahre, als die Idee zu Stuttgart 21 aufkam, war das ein bejubeltes Projekt, man sprach von der Renaissance der Bahnhöfe, Stuttgart war ein positives Beispiel. Zu Recht: Die 150 Jahre alten Kopfbahnhöfe genügen den heutigen Ansprüchen nicht mehr. Dass wir heute stehen, wo wir stehen, liegt nicht an Sachfragen, sondern an Machtfragen. Die Grünen wollen an die Fleischtöpfe und nutzen Stuttgart 21 als Vehikel , um die Landtagswahl zu gewinnen.

Frage: Das ist das gute Recht einer Partei.

Mehdorn: Ja, dagegen sagt auch keiner etwas, deshalb ist es dennoch richtig. Neu ist aber: Noch nie haben politische Parteien aktiv zu Demonstrationen gegen etwas aufgerufen, was durch alle politischen Instanzen genehmigt wurde, an denen sie selbst beteiligt waren. Das ist eine neue Qualität. Wenn es den Gegnern ums Geld ginge – warum protestieren sie dann nicht gegen den Plan der Telekom, für 40 Milliarden Euro Glasfaserkabel im Land zu verlegen? Warum haben sich die Berliner nicht aufgeregt, als wir mit 18 Milliarden Euro ihr Bahn-System modernisiert haben?