Durch die Millionenspenden wollen Corporate America und Wall Street Obamas Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus deutlich schwächen. Wichtige Vorhaben wie die Umsetzung der Finanzreform oder ein Klima-Gesetz könnten dadurch blockiert oder zumindest deutlich verzögert werden. Das U.S. Chamber of Commerce macht seit Wochen Front gegen den US-Präsidenten und seine Demokratische Partei. Mit seiner wirtschaftsfeindlichen Politik "erstickt er den unternehmerischen Geist", wetterte der Chef der Handelskammer, Tom Donohue, dessen Organisation Schwergewichte der US-Wirtschaft wie Pepsi, ConocoPhilips und FedEx, aber auch Banken wie JP Morgan Chase vertritt.

Doch die Strategie ist riskant. Denn von dem Auftrieb der Republikaner profitiert auch die streng konservative Tea-Party-Bewegung. Mit extremen Ansichten, wie die Grenzen der USA dichtzumachen, alle illegalen Einwanderer aus dem Land zu weisen und Stimulus-Gelder zu verbieten, hat die Bewegung Millionen von Anhänger gefunden. Erste Stimmen warnen bereits: Die Tea-Party-Kandidaten könnten mit ihren unberechenbaren Forderungen schwer zu kontrollieren sein und am Ende der Geschäfts- und Finanzwelt schaden.

Als Paradebeispiel dafür gilt Rand Paul. Der Augenarzt aus Kentucky will die amerikanische Zentralbank abschaffen - und die Steuerbehörde IRS gleich mit. Damit hat er sich gegen gemäßigtere Republikaner durchgesetzt und kandidiert nun für einen Sitz im Senat. Die Handelskammer hat dennoch eine Wahlempfehlung für ihn abgegeben, weil er die Interessen der Unternehmen am besten schützen und für nachhaltiges Wachstum sorgen werde, lobt Chamber-Chef Donohue.

"Das ist ein Spiel mit dem Feuer", warnt Clyde Prestowitz vom parteiunabhängigen Analysehaus Economic Strategy Institute. Radikale Politiker auf ihrem Weg in den Kongress zu unterstützen könne nicht im Interesse der Konzerne sein.Doch Weitsicht ist in diesem Wahlkampf nicht das entscheidende Argument. "Wofür die Kandidaten sind, ist wichtig, aber wogegen sie sind, ist noch wichtiger", heißt die erklärte Devise der Handelskammer. Die Neuordnung des Finanzsystems, die steigenden Kosten nach der Gesundheitsreform und die Angst vor höheren Steuern hat Big Business aufgeschreckt und lässt die Unternehmen ein Jahr nach dem offiziellen Ende der Rezession wieder nach der Partei rufen, die für weniger Regulierung steht.

Schätzungen zufolge wird in diesem Wahlkampf etwa viermal so viel Geld ausgegeben, wie vor zwei Jahren - ein neuer Rekord. Die Handelskammer hat bereits 20 Millionen Dollar in den Wahlkampf geschüttet und ist bereit, diese Summe auf 75 Millionen. Dollar zu erhöhen. Das wäre fast doppelt so viel wie bei den Kongresswahlen vor zwei Jahren. 89 Prozent der Gelder gingen bislang an die Republikaner. Damit ist Donohues einer der finanzstärksten Unterstützer der republikanischen Partei, wie Zahlen der Wahlkampfkommission und der "Washington Post" zeigen. Die Demokraten fühlen sich, als würden sie gegen Windmühlen ankämpfen, heißt es aus ihrem Lager.

Nach verbalen Attacken gegen die "fetten Bonzen" der Wall Street hat Obama auch die Finanzwelt gegen sich aufgebracht. Im Präsidentschaftswahlkampf lenkte die Wall Street noch 70 Prozent ihrer Spenden in die Taschen der Demokraten, zeigen die Daten des unabhängigen Forschungsinstituts Center for Responsive Politics. Jetzt geht ein ähnlich hoher Anteil an die Republikaner.

Wenn von dem Geldregen auch die Tea-Party profitiere, dann sei das für das Kalkül der Banker und Unternehmensmanager nicht weiter schlimm, sagt Michael Frank von der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation. "Vielleicht mögen sie die Rhetorik einiger Tea-Party-Kandidaten nicht. Wahrscheinlich wollen die Manager auch nicht mit ihnen zusammen gesehen werden. Aber sie werden in 80 bis 90 Prozent der Fälle zu schätzen wissen, wofür die neu gewählten Kongressabgeordneten stimmen."

(Erschienen im Handelsblatt)