Dass Berlin angesagt ist, haben Bewohner jetzt auch schriftlich. Die Hauptstadt ist, gefolgt von Düsseldorf, der größte Aufsteiger eines Rankings, für das Ökonomen zum zweiten Mal nach 2008 die Zukunftsfähigkeit der 30 größten Städte Deutschlands untersuchten. Die wichtigsten Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung seien gegeben, sagen die Wirtschaftsforscher vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut HWWI, das im Auftrag der Berenberg Bank tätig war. Die Bevölkerung sei gut ausgebildet, die Stadt international geprägt und gut erreichbar. Das trage den Aufschwung.

"Berlin hat die Wende geschafft", sagte HWWI-Direktor Thomas Straubhaar. Seit 2005 seien hier 123.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, mehr als in jeder anderen deutschen Großstadt. Eine Art "Hauptstadt-Bonus" gibt es wohl auch. Berlin zieht Menschen an, und das werde auch künftig so bleiben, glauben er und seine Mitarbeiter. Von 2003 bis 2009 zogen fast 61.000 mehr Zuwanderer zur Spree hin als weg von ihr. All das lässt Berlin in der HWWI-Rangliste nach vorne rücken. Lag die Hauptstadt vor zwei Jahren hier noch abgeschlagen auf Platz 24, belegt sie nun Rang acht.

Frankfurt am Main hält weiterhin den ersten Platz in der Rangliste: eine internationale Metropole mit vielen hoch qualifizierten Arbeitskräften und einem hohen Anteil von Beschäftigten in Forschung und Entwicklung. München verteidigt Platz zwei, gefolgt von Düsseldorf (ehemals Rang elf). Chemnitz hingegen schafft es nicht, vom letzten Platz wegzukommen. Der große Verlierer ist Stuttgart: Die dortige Exportindustrie litt besonders unter den wirtschaftlichen Verwerfungen der vergangenen Jahre, Stuttgart fiel von Rang drei auf Rang 16.

"Die Offenheit einer Stadt ist entscheidend für ihren Erfolg", sagt Straubhaar. Offenheit bedeutet für ihn auch Internationalität. Sie ging als ein Kriterium in das Ranking ein, gemessen an der Zahl ausländischer Studenten, Beschäftigten oder Touristen, die eine Stadt aufnimmt. Daneben berücksichtigten die Forscher auch demografische, ökonomische und bildungspolitische Indikatoren. Offenheit und Internationalität haben aus ihrer Sicht aber eine besondere Bedeutung: "Gerade in den Siegerstädten herrscht eine ausgesprochene kulturelle Vielfalt", sagte Silvia Stiller, die Leiterin der Studie. Im Mittel seien dort rund 20 Prozent der Einwohner ausländischer Herkunft. Darin stecke auch eine Lehre für die aktuelle Migrationsdebatte: "Wir müssen immer besser damit umgehen, diese Menschen zu integrieren." Städte mit einer langen Tradition der Integration und Toleranz seien gut dafür gerüstet.

Hinter dem Ranking stecken die Ideen des US-Ökonomen Richard Florida , bekannt geworden durch seine Bücher über die "kreative Klasse". Wo die Kreativen sich niederlassen, boomt die Wirtschaft, ist seine Hauptthese: Toleranz zieht Talente an, die neue Technologien schaffen, durch die wiederum Wachstum entsteht. Städte gelten aus dieser Perspektive als Motoren wirtschaftlicher Entwicklung, weil die gut ausgebildeten Kreativen sich vor allem in ihnen niederlassen und nicht auf dem Land, und weil der wirtschaftliche Aufschwung sich irgendwann vom städtischen Zentrum auf das Umland ausbreiten soll.

Das beschreibt eine eher unternehmerische Sicht auf Stadtentwicklung und -planung. Florida reduziere den Wert einer Stadt auf ihren wirtschaftlichen Nutzen, sagen seine Kritiker. Auch in Hamburg sind seine Thesen umstritten . Dennoch bilde das HWWI-Ranking auch die Lebensqualität generell ab, die eine Stadt ihren Bewohnern biete, sagte Straubhaar. "Wir prüfen: Kommen junge Menschen, oder gehen sie?" Das möge eine "holzschnittartige" Variable sein, um die Anziehungskraft einer Ansiedlung zu messen. Aber sie bilde tatsächliche Handlungen ab, nicht nur Absichten, und sei damit objektiv.

Erfolgreiche Städte gelten als Wachstumsmotoren für ganze Regionen. Ein Drittel aller Dienstleistungen und Güter wird in den 30 größten deutschen Städten produziert. In großen Städten ist die Zahl der Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen.

Gibt es zu wenige Städte, kann das für die Wirtschaft einer Region zum Nachteil werden, etwa in Ostdeutschland. Zwar landeten Leipzig und Dresden unter den ersten zwölf Städten, weil ihre Bevölkerung stark gewachsen war und die Zahl der Jobs dort überdurchschnittlich anstieg. Aber ein großer Teil des Ostens sei "flaches Land", sagte Straubhaar – und das sei eben besonders schwach zu entwickeln.

Umgekehrt liegen aber städtische Regionen im Wettbewerb nicht automatisch vorn, wie das Beispiel des Ruhrgebiets zeigt. Wuppertal und Bochum besetzen die vorletzten Plätze des Rankings, Dortmund stürzte ab, auch Essen verlor. Dennoch gebe es Anlass zur Hoffnung fürs nächste Ranking, sagte Straubhaar. Mit Duisburg gelang in der aktuellen Ausgabe immerhin einer Ruhrgebietsstadt ein kleiner Aufstieg um vier Ränge, auf Platz 17.