Mary O’Rourke erinnert sich noch genau an den Moment, als sie die Pläne für das Millionenprojekt zum ersten Mal vor sich sah, ausgebreitet auf dem Boden ihres Wohnzimmers. Ken So, ein alter Freund der Familie und Besitzer des örtlichen China-Restaurants, hatte die irische Parlamentsabgeordnete in ihrem Heim in Athlone besucht, einer Kleinstadt mit 7000 Einwohnern. Ein Konferenzzentrum im Stil eines chinesischen Palasts, zwei Fünf-Sterne-Hotels, ein Bahnhof, eine Schule, ein Krankenhaus, ein Golfplatz und ein 180 Meter hoher Aussichtsturm entstanden vor O’Rourkes Augen. "Es war aufregend", sagt die frühere Ministerin.

Bis zu 35.000 Besucher pro Woche soll die Großinvestition in das Städtchen ziehen, versprechen die Investoren. Bisher verirrten sich nur Angler wegen der reichen Lachsbestände in den umliegenden Gewässern nach Athlone, das ziemlich genau in der Mitte Irlands liegt – weit weg vom nächsten internationalen Flughafen. Das Projekt, im Volksmund Shanghai-on-Shannon genannt, mag an Größenwahn grenzen. Doch selbst Irlands Premierminister Brian Cowen macht sich dafür stark. Chinesische Politiker bestätigen ihm, dass "China einem Freund wie Irland in diesen schwierigen Zeiten beistehen wird, wo es nur kann".

Irlands Hoffnungen beruhen auf den Erfahrungen anderer gebeutelter Länder der Euro-Zone. In den vergangenen Monaten hat sich China in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien als Retter in der Not präsentiert. Sein Land habe "nicht gleichgültig weggeschaut, als manche Mitglieder der Euro-Zone in Schwierigkeiten waren", rühmt sich Chinas Premierminister Wen Jiabao und kündigt den Fortgang der Wohltaten an. "Wir werden weiter Hilfe leisten und gewissen Ländern über ihre Schwierigkeiten hinweghelfen."

Den Chinesen fällt ihre vermeintliche Großzügigkeit leicht. Mehr als 2,4 Billionen Dollar Devisenreserven haben sie angehäuft, für die sie Verwendung suchen. Da kommt es ihnen nur gelegen, dass klamme Euro-Länder um jeden Investor dankbar sind, der Geld ins Land bringt und Staatsanleihen erwirbt, die andere eiligst aus dem Depot räumen. An der Peripherie Europas werden die Chinesen wie Heilsbringer empfangen, im Herzen Europas wird ihr wachsendes Engagement dagegen mit Argwohn betrachtet. Wenn China europäische Anleihen kaufe, sinnierte kürzlich in Brüssel der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger, dann stehe dahinter nicht die Caritas: "China übernimmt die EU, und wir Europäer verkaufen unsere Seele."

Nach Asien und Afrika ist nun Europa dran. China rollt den alten Kontinent von den Rändern her auf – und kommt in der Ersten Welt an. Während in den USA und in Mitteleuropa die Vorbehalte und Berührungsängste gegenüber der aufsteigenden Großmacht erheblich sind und China vor allem als Absatzmarkt für eigene Exporte genehm ist, werden die Chinesen in Europas krisengebeutelter Peripherie mit offenen Armen empfangen.

Als der Ministerpräsident der größten Diktatur der Welt im Oktober durch Europa tourte, durfte Wen Jiabao in Athen vor dem Parlament sprechen, wo er mit reichlich Applaus bedacht wurde. In Rom ließ Ministerpräsident Silvio Berlusconi dem asiatischen Gast zu Ehren das Kolosseum rot anstrahlen. Alle wollen sie die solventen Investoren bei Laune halten.

Wen kündigte an, griechische Staatsanleihen zu kaufen, sobald Griechenland wieder in großem Stil an die Finanzmärkte zurückkehren werde. Seit Juni haben die Chinesen spanische Staatsanleihen im Wert von 625 Millionen Dollar gekauft, und es kursieren Spekulationen, bis zu 20 Prozent der jüngsten Anleiheemissionen in Portugal seien nach China gegangen. "Falls nötig, ist China bereit, alle nur mögliche Hilfe zu leisten", hat Wen versprochen.