Haiti am Tropf der Helfer – Seite 1

Das Wasser hat jene Brücke ins Armenviertel Cité 9 dann schließlich weggeschwemmt, die das große Beben am 12. Januar noch heil gelassen hatte. Dem heftigen Regen war sie nicht mehr gewachsen, der am 15. Mai auf die Hügel um Haitis Hauptstadt Port-au-Prince fiel und die Abwassergräben in reißende Bäche verwandelte. Nun ist die einzige Verbindung dahin, die aus Cité 9 ins Viertel Carrefour-Feuilles führte, und damit in den Rest der Stadt.

Seither müssen sich 85.000 Bewohner von Cité 9 ihren Weg durch eine Schlucht bahnen, vorbei an Müll und schmutzigem Wasser, wenn sie zum Markt möchten, zur Schule oder zum Arzt. Manchmal hat jemand ein paar wacklige Bretter über den Graben gelegt. Dann balancieren die Mutigen hinüber über diese Schlucht, die den Hügel begrenzt, der ihr Zuhause ist. Kreuz und quer drängen sich ihre Behausungen bis unmittelbar an den Rand des Abgrunds. Sie stehen so nah, dass ein Haus in die Tiefe stürzte, als vor wenigen Wochen wieder starker Regen fiel. Das Wasser riss die Trümmer und die Toten mit sich fort.

Hier soll die neue Brücke nach Cité 9 entstehen

Hugues Monice soll den Bau der neuen Brücke begleiten. Fast 20 Jahre lebte der Haitianer im Exil. Nach dem Beben kehrte er zurück, um als Büroleiter der Hilfsorganisation medico international in Port-au-Prince beim Wiederaufbau zu helfen. Monice wuchs als eins von sieben Kindern einer Arbeiterfamilie auf, er weiß, wie sich Armut anfühlt. Was er bei seiner Rückkehr vorfand, schmerzt ihn dennoch: Der Müll am Straßenrand, die Schweine, die darin wühlen, die Regierung, die zu wenig tut. "Auch das ist Haiti. Das tut weh", sagt er. Seine Arbeit ist mühsam: Bevor der Bau der neuen Brücke von Cité 9 beginnen kann, müssen die Wände der Schlucht stabilisiert werden und der Boden analysiert. Nur so können die Arbeiter, die den neuen Übergang bauen wollen, herausfinden, welche Zementmischung sich eignet, um auf dem steinigen, bröckligen Untergrund ein stabiles Bauwerk zu errichten. Zu guter Letzt müssen medico-Gutachter das Konzept des Nachbarschaftskomitees absegnen.

Die neue Brücke soll ein Hoffnungszeichen für die Bewohner von Cité 9 werden, zu schmal für Autos, aber mit ausreichend Platz für Fußgänger und die Marktstände, die sich bislang wenige Ecken weiter im Staub und Abgasdampf einer Straße drängen. Rund 110.000 Dollar soll sie kosten. Nun warten alle darauf, dass das zuständige staatliche Labor endlich die nötigen Bodenproben nimmt. Mit 90 Tagen Bauzeit rechnete man ursprünglich. Doch das wird nicht reichen.

Die Zerstörung ist groß, und es fehlt an Räumgerät

Das Beispiel lässt ahnen: Die Schäden des Erdbebens in Haiti zu beseitigen, wird noch viel, viel länger dauern. Überall türmt sich der Schutt in den Straßen von Port-au-Prince. Viele der zerstörten Gebäude stehen genau so wacklig da, wie das Beben sie zurückließ, direkt neben den schiefen Mauern drängen sich die Zelte der Obdachlosen. Es gibt viel zu wenig schweres Gerät, um das Geröll beiseite zu räumen. Selbst wenn ausreichend Bagger und Lastwagen vorhanden wären: Über die buckligen, engen Staubstraßen, die sich die Hügel hinauf- und hinabwinden, kämen sie nie überallhin, wo sie gebraucht würden. Schon gar nicht nach Carrefour-Feuilles.

Im Chaos und Schutt versuchen sie, ein wenig Alltag zurückzuerobern. Eine Fotostrecke © Alexandra Endres

Unmittelbar nach dem Beben hieß es, die Katastrophe sei auch eine Chance für das Land. Auf den Trümmern könne man ein schöneres, besseres Haiti aufbauen. Mehr als zehn Monate später ist der Wiederaufbau in weite Ferne gerückt, und die unzähligen Hilfsorganisationen im Land – bis zu 15.000 NGOs sollen hier aktiv sein – sind vollauf damit beschäftigt, die größte Not zu lindern. In einem gebeutelten Land wie Haiti ist das schwer genug, zumal Naturereignisse wie der Hurrikan Tomás und nun die Cholera die Helfer vor immer neue Notlagen stellen.

Dabei hatte die haitianische Regierung schon im März ihren Wiederaufbauplan vorgelegt, keine zwei Monate nach dem Beben. Präsident René Préval stellte den Haitianern eine Gesellschaft in Aussicht, an der alle Bürger Anteil haben sollten: mit einem handlungsfähigen Staat, einem funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystem, blühenden Regionen und guten Straßen, um die Hauptstadt mit den Rest des Landes zu verbinden. Etwa zehn Jahre sollte es dauern, die Grundlagen für diese Gesellschaft zu schaffen. "Das Erdbeben darf unser ersehntes Ziel nicht verdunkeln: ein demokratisches Haiti aufzubauen, das alle mit einbezieht und die Menschenrechte respektiert", hieß es in dem 55-seitigen Dokument der Regierung.

Die Regierung ist handlungsunfähig, die Menschen hängen ab von NGOs

Haiti - Impressionen aus Port-au-Prince Die Hauptstadt Haitis zeigt sich seit dem schweren Erdbeben im Januar 2010 und der jüngsten Cholera-Epidemie als eine Stadt zwischen Zerstörung und Idylle

Es blieb ein Luftschloss. Haiti war schon vor dem Beben ein failed state ohne funktionierende Institutionen. Durch die Katastrophe wurden sie noch zusätzlich geschwächt, und jetzt versiegt ihr letztes bisschen Handlungskraft, weil Wahlen unmittelbar bevorstehen . Bis heute habe die Regierung keine praktisch umsetzbaren Konzepte für den Wiederaufbau vorgelegt, klagen Helfer. Im zuständigen Planungsministerium sei noch nicht einmal klar, wann und wie der Präsidentenpalast oder die Kathedrale repariert werden sollten, symbolträchtige Gebäude im Zentrum von Port-au-Prince.

Doch trotz aller institutionellen Schwäche und humanitärer Hilfsbedürftigkeit ist Haiti ein souveränes Land. Die internationalen Organisationen müssen ihre Arbeit also mit den Behörden abstimmen. Zum Beispiel, wenn die Helfer von Save the Children in Léogâne eine neue Schule bauen wollen, etwa 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince gelegen. Erdbebensicher soll sie werden, und die Regierung muss das neue Design genehmigen, bevor der Bau beginnen kann. Außerdem sind Besitzverhältnisse zu klären, die Trümmer müssen weg. Rund sieben Monate habe es schon gedauert, wenigstens ein Provisorium für die rund 400 Schüler aufzustellen, sagt Gary Shaye, Länderdirektor Haiti von Save the Children.

Dabei hängt das Land ab von der Arbeit der Nichtregierungsorganisationen. Häufig gehen die Helfer dorthin, wo die Regierung nicht zu finden ist. Ins Camp Delmas 56 in Port-au-Prince beispielsweise. Das Lager liegt in tropischer Nachmittagshitze: einzelne Bäume, dicht gedrängte Zelte am Hang, vor manchen hantieren Frauen mit Holzkohle. Haiti ist so gut wie entwaldet, doch Holz bleibt für viele Menschen die wichtigste Energiequelle. Im Schatten eines auf Stelzen liegenden Dachs schrubbt ein Arbeiter eine große Wasserblase aus Plastik, daneben zapfen Menschen ihr Trinkwasser aus dem wabbeligen Speicher.

Trinkwasserstation im Lager Delmas 56

Ein paar hundert Meter weiter, zwischen den Zelten am Hang, zimmern Arbeiter eine Isolierstation für Cholerakranke. Um für sie Platz zu schaffen, wurden die Notunterkünfte noch enger zusammengeschoben. "Bislang haben wir noch keine Cholerafälle in der Nachbarschaft", sagt Marlene de Tavernier, eine belgische Ärztin, die in Delmas 56 für die Hilfsorganisation Save the Children arbeitet. "Aber wir wollen vorbereitet sein, mit ausreichend Trinkwasser und Infusionen zu helfen, wenn nötig. Wir bauen in den Gebieten mit der verwundbarsten Bevölkerung, wo es keine Referenzeinrichtungen des Gesundheitsministeriums gibt."

Etwa 4000 Familien leben im direkten Einzugsbereich von de Taverniers Gesundheitsstation. Aber 70 Prozent ihrer Patienten kämen aus anderen Vierteln, sagt sie. "Die Gesundheitsversorgung in Port-au-Prince ist sehr teuer, und der Bedarf ist groß. Nicht nur die Armen, sondern auch die Angehörigen der Mittelklasse haben durch das Beben alles verloren. Sie brauchen eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Die Leute kommen von sehr weit her."

Im Camp Siloe in Port-au-Prince: Der Swimmingpool gehört zu den Einrichtungen einer Privatbank, auf deren Gelände sich jetzt Zelte drängen. Im Hintergrund die ein wieder aufgebautes Wohnhaus

Obwohl es so viele Hilfsorganisationen in Haiti gibt, können sie nicht alle Camps versorgen. Doch wo sie aktiv sind, sind sanitäre Zustände und Gesundheitsversorgung häufig besser als in den Slums der Hauptstadt. Dort suchen Schweine, Ziegen und Hühner im Müll der offenen Abwassergräben nach Fressbarem. Damit der Wiederaufbau beginnen kann, müssten die Menschen die Lager verlassen und in ihre früheren Behausungen zurückkehren – doch angesichts der prekären Lebensumstände dort haben sie wenig Grund das zu tun. Die britische Hilfsorganisation Oxfam hat berechnet, dass vor dem Beben nur die Hälfte der Bevölkerung Haitis Zugang zu sauberem Wasser hatte, etwa einem Fünftel standen Toiletten zur Verfügung. Die Organisation schätzt, dass die Versorgung in Port-au-Prince nach dem Beben ein wenig besser ist.

Die meisten Menschen haben keinen Job und, da das Erdbeben auch die lokale Wirtschaft lahmlegte, keine Aussicht auf eine reguläre Beschäftigung. In den Lagern versorgen sie die Hilfsorganisationen mit dem Nötigsten. Die Hilfe zu nutzen, schont die Kräfte im täglichen Kampf ums Überleben. Manche Familien belegen mehrere Zelte in unterschiedlichen Lagern, um so mehr Hilfsgüter zu erhalten, berichten NGO-Mitarbeiter. Andere Helfer erzählen von "Geisterzelten", die nur benutzt würden, wenn die Ausgabe von Hilfsgütern anstehe, ansonsten aber leer stünden.

Manchmal gibt es auch einfach keine Häuser mehr, in die die Obdachlosen zurückkehren könnten – und selbst wenn die Mittel da sind, neue zu errichten, verhindern ungeklärte Besitzverhältnisse den Wiederaufbau.

 Nothilfe rettet Menschenleben – und blockiert zugleich den Wiederaufbau

Das Hotel Villa Creole im relativ wohlhabenden Stadtteil Petionville: Das Dach des Hauptgebäudes, hinter der Palme zu sehen, ist eingestürzt, der Betrieb nur eingeschränkt möglich

Am Flughafen Toussaint Louverture herrscht großes Durcheinander. Gepäckträger in Einheitskluft, mit roten Schirmmützen und farbigen Hemden, drängen sich um Ankömmlinge und Abreisende. Die meisten sind Mitarbeiter von NGOs, Diplomaten, Journalisten. Keiner fliegt nach Port-au-Prince, um in Haiti Urlaub zu machen, obwohl das Land mit dem benachbarten All-Inclusive-Paradies der Dominikanischen Republik Klima und Lage teilt. "I help you with quick check-in" , ruft ein Träger und greift sich das Gepäck, "Ich helfe Ihnen, schnell einzuchecken!" Nur ein paar Meter hinter der Eingangstür legt der Mann den Rucksack aufs Band für den Sicherheitscheck. Sein Kollege zeigt an, wo die Schlange vor dem Schalter beginnt, und nennt den Preis: Fünf Dollar für jeden. Wer kein Kleingeld parat hat, zahlt schnell das Doppelte: "You give me ten. For quick check-in!" 

Westliche Besucher können die zehn Dollar leicht verschmerzen. In Haiti, wo ein Lehrer etwa 150 Dollar im Monat verdient, ist es viel Geld. Die Hilfsorganisationen zahlen ihren Angestellten meist mehr. Viele haben nach dem Erdbeben die Zahl ihrer Angestellten vervielfacht. Oxfam zum Beispiel beschäftigte vor der Katastrophe rund 20 Mitarbeiter, heute sind es 700. Qualifizierte Arbeitskräfte, die dem lokalen Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Es ist ein Dilemma, aus dem es keinen leichten Ausweg gibt: Die NGOs retten Leben und bringen dringend benötigtes Geld ins Land. Doch durch die Parallelökonomie, die sie aufbauen, wird die Abhängigkeit des Landes zementiert.

Schulkinder in Carrefour-Feuilles, in unmittelbarer Nachbarschaft von Cité 9

Rund zehn Milliarden Dollar versprach die internationale Gemeinschaft auf ihrer Geberkonferenz im März – ein Vielfaches des haitianischen Haushalts. Bislang hat die nationale Wiederaufbaukommission Projekte im Wert von 1,6 Milliarden Dollar genehmigt. "Die Hilfe bringt Erleichterung", sagt die Historikerin Suzy Castor . "Aber sie bietet uns keine ökonomische Perspektive. Viele Helfer verausgaben sich, aber es fehlt an durchdachten Konzepten. Helfer aus den Industrieländern finden hier Arbeit, die Materialien für den Wiederaufbau werden importiert. Und viele Haitianer warten bloß noch darauf, dass ihnen das Ausland hilft, statt sich selbst zu helfen."

Manche Organisationen versuchen, gegen die Abhängigkeit anzugehen. Save the Children beispielsweise vergibt Kleinkredite an Marktfrauen und Handwerker in Port-au-Prince, damit sie Werkzeuge kaufen können, um ihr Geschäft wieder in Gang zu bekommen. Zusätzliche Kurse sollen den Menschen helfen, bald wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Oxfam verfolgt einen ähnlichen Ansatz . Andere Hilfsorganisationen wollen den Menschen auf dem Land eine Existenzgrundlage verschaffen, etwa die Welthungerhilfe, die im Nordosten des Landes Dämme und Kanäle baut, um Ackerland zu befestigen und seine kontrollierte Bewässerung zu ermöglichen . Solche Aufbauarbeit ist mühsam und dauert lange.

"Der Wiederaufbau von Port-au-Prince kann ohne den Wiederaufbau des Landesinnern nicht funktionieren", sagt Suzy Castor. Die Wirtschaft müsste dezentralisiert werden, damit die Menschen sich ihren Lebensunterhalt in den Provinzen verdienen können und die Migration in den Moloch der Hauptstadt gestoppt wird. Die Regierung bekundet ihren guten Willen, ebenso die internationalen Geldgeber, manche Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe oder medico arbeiten daran. Doch es bleibt mühsam, zumal im Moment wegen der Cholera abermals alle Kräfte auf die Nothilfe konzentriert werden. "Wir bauen Kliniken und retten Leben", sagt Gary Shaye von Save the Children. "Aber das ist nicht sehr nachhaltig. Sobald wir unsere Arbeit nicht mehr finanzieren können – und das könnte passieren, denn das Geld wird knapp – haben die Leute keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung mehr."

Hugues Monice von medico weiß, wie die Dezentralisierung funktionieren könnte. Im afrikanischen Benin hat er sie jahrelang vorangetrieben, das ist sein Spezialgebiet. In Haiti ist er damit noch nicht weit gekommen. Zunächst muss er sich um die Brücke für Cité 9 kümmern.