Einmal im Jahr trifft sich die globale Wirtschaftselite beim großen Weltwirtschaftsforum in Davos zum Skifahren. Daneben gibt es aber mehrmals im Jahr kleine Treffen des Weltwirtschaftsforums, wie jetzt in Delhi. Sie dienen den lokalen Eliten, die sich die Reise nach Davos oft nicht leisten können, dazu, Anschluss an die globalen Debatten zu gewinnen. Insofern trügt dann der Name etwas. Denn auf dem Weltwirtschaftsforum in Delhi reden hauptsächlich Inder mit Indern – allerdings über Themen, die das Forum mit Sitz in Genf bestimmt.

In Indien geht dieses Konzept schon seit 26 Jahren auf. Diesmal drehte sich das Treffen um soziales Wachstum, auf Englisch: inclusive growth. Indiens Bosse sollten sich darüber auslassen, wie sie in ihre boomende Volkswirtschaft, die im zweiten Quartal um 8,8 Prozent wuchs, die Dreiviertel-Mehrheit der immer noch völlig verarmten Inder integrieren können. "Emporsteigende Supermacht? Ha! 100 Millionären gehört ein Guthaben von 25 Prozent des Bruttosozialprodukts. 830 Millionen von uns leben von weniger als 20 Rupien (umgerechnet 40 Cent) am Tag", verkündete kürzlich das indische Nachrichtenmagazin Outlook auf der Titelseite.

Nun also sollten die Millionäre auf dem Forum in Delhi erklären, wie sie den 830 Millionen zu helfen gedenken. "Wir bringen den Leuten auf dem Land das Motorradfahren bei", sagte etwas ratlos Pawan Munjal, Chef der Hero Gruppe, die in Zusammenarbeit mit dem japanischen Honda-Konzern Indiens größter Motorradhersteller ist. Wie man Leuten, die weniger als 40 Cent am Tag verdienen, ein Motorrad verkauft, wusste Munjal nicht zu sagen.

Sein Konkurrent Rahul Bajaj, Vorsitzender des erfolgreichsten rein indischen Motorradherstellers mit dem gleichen Namen Bajaj, war da schon etwas ehrlicher: "Wenn wir noch billiger werden, geht das auf Kosten der Sicherheit, und unsere Maschinen fangen Feuer", sagte Bajaj. Er spielte damit auf die jüngste Rundruf-Aktion des Autoherstellers Tata an, der allen Kunden seines neuen Superbillig-Autos Nano eine kostenlose Sonderwartung empfahl, nachdem zuletzt mehrere Nanos aus nicht ganz erklärten Gründen in Flammen aufgegangen waren. Doch mit anderen Worten: Motorrad- und Autoindustrie haben den Armen Indiens bisher nichts zu bieten.

Selbstbewusster konnte da schon Sunil Bharti Mittal auftreten, Vorsitzender und CEO des Telekommunikationsriesen Bharti, der mit seine Marke Airtel die größte Zahl von Mobilfunkkunden in Indien erreicht. Airtel ist der günstigste von allen Mobilfunkanbietern in Indien und versorgt deshalb auch die meisten Kunden in der armen Bevölkerung. "Wir produzieren heute eine neue Arbeiterschaft für den ganzen Globus. Nur Afrika hat eine jüngere Bevölkerung", äußerte sich Mittal positiv zu den steigenden Bevölkerungszahlen im Land.

Den vielen Menschen, die in Armut geboren werden, will Mittal "Gesundheitsfürsorge über das Mobiltelefon" anbieten. Kranke, die sich keinen Arzt leisten können – das sind in Indien die allermeisten –, sollen in Zukunft ein Callcenter anrufen und mit dessen Hilfe für umgerechnet einen Dollar eine erste Ferndiagnose machen können. Das klang modern. Doch in der anschließenden Diskussion wandten Experten ein, dass die Armen auf dem Land mit einer Diagnose per SMS nichts anfangen könnten – sie könnten ja nicht einmal lesen.