Irland kämpft – mit den Folgen der Finanzkrise und mit dem Druck seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie der Europäischen Union (EU). Beide drängen die Regierung in Dublin dazu, schnell eine Entscheidung zu treffen, ob sie Hilfen in Anspruch nehmen will. Die Diplomaten in Brüssel und die Banker in Frankfurt fürchten, dass sich die Schuldenkrise auf der Grünen Insel auch auf andere Staaten der Eurozone ausbreiten könnte.

Noch sieht Irland aber keinen Grund, die EU und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Unterstützung zu bitten. "Es gibt keinen Grund, warum wir eine Rettung durch den IWF oder die EU in Anspruch nehmen sollten", sagte der für Europa-Angelegenheiten zuständige irische Staatssekretär Dick Roche. Allerdings räumte er ein, dass es ein Problem mit der Liquidität von Banken gebe. "Aber ich denke nicht, dass die geeignete Antwort darauf wäre, dass die europäischen Finanzminister in Panik geraten", sagte Roche.

Am Abend wollen die Finanzminister der Euroländer in Brüssel zusammenkommen, am Mittwoch dann alle EU-Finanzminister beim sogenannten Ecofin-Treffen. EU-Diplomaten erwarten eine "lebhafte Debatte". Zwischen den Euroländern ist ein Streit um Rettungsbeihilfen für das hochverschuldete Irland entbrannt. Während Deutschland dem Vernehmen nach derzeit keine Notwendigkeit für Hilfen aus dem 440 Milliarden Euro schweren Rettungsschirm sieht, drängten Österreich und Portugal auf eine Entscheidung. 

"Wir können kein Land zwingen, unter den Rettungsschirm zu kommen – aber klar ist auch, dass wir gegenüber einem Szenario, wie wir es in Griechenland hatten, schneller reagieren sollten als klares Signal an die Finanzmärkte", sagte der österreichische Finanzminister Josef Pröll. Eine Verzögerungstaktik könne nur noch größere Probleme oder Ansteckungsgefahr für andere Länder nach sich ziehen. "Ich glaube nicht, dass die Entscheidung unmittelbar bevorsteht, aber das ist die Lehre aus Griechenland – zu lange zu warten, wird zu teuer", betonte Pröll.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und seine Kollegen aus Frankreich und Luxemburg äußerten sich dagegen zurückhaltend. Schäuble sagte, die Finanzminister wollten sich zunächst in Ruhe die Einschätzung Irlands anhören. Die Euro-Länder müssten sich nicht gegenseitig zu Dingen auffordern, sagte er auf die Frage, ob Irland von anderen Ländern gedrängt werde, auf die europäische Hilfe zuzugreifen. Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde erklärte, Irland habe nicht um Hilfe gebeten, werde sie jedoch erhalten, wenn es einen Antrag stelle. Der Luxemburger Ressortchef Luc Frieden warnte davor, sich durch die hitzigen Spekulationen in den Medien zu irrationalen Reaktionen hinreißen zu lassen. 

Bisher ist dieser Ernstfall reine Theorie. Irland hatte zwar bestätigt, Gespräche auf internationaler Ebene über die "gegenwärtige Marktsituation" zu führen. Die Iren betonten aber mehrfach, dass sie keinerlei Antrag auf externe Hilfe stellen würden und ihr Bedarf an Krediten bis zum Sommer nächsten Jahres gedeckt sei. Auch die EU-Kommission sieht bisher keine Notlage. 

Der EU-Rettungsfonds umfasst insgesamt 750 Milliarden Euro und wurde von den Euroländern zusammen mit dem IWF nach der milliardenschweren Rettung Griechenlands aufgelegt. Irland kann auf dieses Geld zugreifen, wenn es sich an den Kreditmärkten nicht mehr ausreichend finanzieren kann und einen Antrag auf Hilfe stellt. Wie es in Brüssel heißt, sind beide Bedingungen derzeit nicht erfüllt.

Dublin könnte am Ende auf einen Sonderweg setzen: Wie die irische Tageszeitung Independent berichtet, will die Regierung zwar EU-Milliarden für die angeschlagenen Banken des Landes beantragen, nicht aber für den Staat selbst. Damit will sie harte Auflagen von EU und IWF umgehen. Diese Lösung präferiert die Regierung von Ministerpräsident Brian Cowen auch aus innenpolitischen Gründen: Am 25. November muss sie eine Nachwahl zum Parlament bestehen. Bislang verfügt sie im Abgeordnetenhaus nur über eine hauchdünne Mehrheit.

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy warnte angesichts der schwierigen Lage vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone. "Wenn die Euro-Zone nicht überlebt, wird auch die Europäische Union nicht überleben", sagte der Ratspräsident in Brüssel. Die Lage hatte sich in den vergangenen Tagen zugespitzt, als die Zinsen für Staatsanleihen Irlands und anderer angeschlagener EU-Staaten in die Höhe geschnellt waren.