Für die Beamten in Brüssel und die Politiker in Berlin, Paris und anderen europäischen Hauptstädten ist die Rechnung einfach: Irland erhält Milliarden aus dem Euro-Rettungsfonds und erfüllt im Gegenzug ihre Forderungen. Der marode Haushalt muss saniert, das überdimensionierte Bankensystem neu geordnet – und die Steuern erhöht werden. Mit den ersten beiden Punkten ist die Regierung in Dublin einverstanden, die Erhöhung der Unternehmenssteuer lehnt sie aber strikt ab.

Diese Haltung erneuerte nun der irische Finanzminister Brian Lenihan. Auf die Frage, ob sein Land dem Druck der Europäischen Union (EU) in dieser Frage nachgeben werde, sagte er der Bild -Zeitung: "Nein, es gibt derzeit keinen direkten oder indirekten Druck wegen unserer Unternehmenssteuersätze." Dies sei auch nicht nötig, denn die Mehrheit ausländischer Direktinvestitionen in Irland komme gar nicht aus Europa. "Um diese Investments konkurrieren wir also nicht mit anderen EU-Staaten, sondern mit dem Fernen Osten." 

Zudem betonte Lenihan, dass Irland nicht bankrott sei. "Wir haben 22 Milliarden Euro an Reserven und einen Rentenfonds mit 25 Milliarden Euro", sagte er. Außerdem befinde sich Irland nicht in einer Rezession. "Die angefragte Unterstützung soll zeigen, dass Irland im Falle des Falles über weitere Möglichkeiten verfügt, sich zu finanzieren. Und es könnte gut sein, dass diese Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft werden."  

Die Zweifel daran sind bei den Experten von EU-Kommission, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) – eine Gruppe von ihnen verhandelt gerade in Dublin über die Auflagen der Euro-Hilfen – aber groß. Diplomaten in Brüssel rechnen auch fest damit, dass Irland bei seiner Haushaltskonsolidierung neben schmerzhaften Einsparungen auch um Steuererhöhungen nicht herumkommen wird. "Es ist wahrscheinlich, dass Irland kein Niedrigsteuerland mehr sein wird", sagte etwa ein Sprecher von Wirtschaftskommissar Olli Rehn.

Vor allem Frankreich und Deutschland sind über die bisherige irische Steuerpolitik verärgert – und dringen nun, auch vor dem Hintergrund der Garantien für die zu zahlenden Milliardenkredite für die Finanzwirtschaft in Irland, auf Änderungen. Kritik kommt Regierungs- und Oppositionspolitikern. "Es kann nicht sein, dass Unternehmen und Einwohner in Irland weniger Steuern zahlen, als Unternehmen und Einwohner in den Staaten, die Hilfe leisten", sagte Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU). "Die irischen Steuern müssen mindestens im Durchschnitt oder noch darüber liegen."

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, kritisierte, dass Irland "durch einen unfairen Steuerwettbewerb und lasche Finanzmarktregeln" seinen Finanzsektor stark vergrößert habe. "Bankenaufsicht verbessern, Einnahmen erhöhen", forderte auch Carsten Schneider, haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Michael Fuchs, Unionsfraktionsvize im Bundestag, sagte, es könne nicht sein, dass Irland Hilfe aus europäischen Finanztöpfen erhalte, "aber von seinen Bürgern und Firmen viel niedrigere Steuern verlangt" als die helfenden Partner. 

Die Regierung in Dublin steht nicht nur international, sondern auch innenpolitisch unter Druck. Die Bevölkerung, Opposition und gar der Koalitionspartner warfen Ministerpräsident Brian Cowen schlechtes Krisenmanagement vor und verlangten seinen sofortigen Rücktritt. Am Montagabend gab der Premier diesen Forderungen zumindest zum Teil nach: Er kündigte vorgezogene Neuwahlen für Anfang kommenden Jahres an, will bis dahin aber den Haushalt für 2011 durch das Parlament bringen.

Neben der Regierungskrise kämpft Irland aber vor allem mit massiven Haushaltsproblemen. Auslöser war das abrupte Ende des Immobilienbooms, was den Bankensektor der Insel in Bedrängnis brachte. Der Staat musste eingreifen und den irischen Finanzinstituten mit Milliardenbürgschaften aushelfen. Inzwischen liegt das Staatsdefizit mit 32 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zehn Mal so hoch wie in der EU erlaubt. Für Dublin wurde es immer schwieriger, sich an den internationalen Kapitalmärkten zu refinanzieren – und beantragte nach langem Zögern am Sonntag schließlich Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm. Diplomaten rechnen mit einem Darlehenspaket von 80 bis 90 Milliarden Euro.

Die Erleichterung an den Börsen über die Hilfen für Irland währte indes nur kurz. Dies beunruhigt auch den irischen Zentralbankchef Patrick Honohan. "Der Mangel an Vertrauen in die Banken und die Regierung ist nicht gerechtfertigt." Um die Finanzwirtschaft zu reformieren, sei die Notenbank auch bereit, einem Verkauf von Banken ins Ausland zuzustimmen.  "Wenn es nach meinem Willen geht, sind sie zu verkaufen", sagte Honohan. Schließlich habe er selbst über Jahre hinweg dafür plädiert, dass es in kleinen Ländern ausländische Eigner für die Banken geben solle.

Die Börsen sind bereits einen Schritt weiter und sorgen sich über eine Ausweitung der Schuldenkrise auf andere Länder der Euro-Zone. Die Börsen in Fernost verbuchten hohe Verluste und folgten damit den Vorgaben aus New York, wo eine Erleichterung über die Finanzhilfen für Irland zuvor weitgehend ausgeblieben war. "Sie sind das griechische Problem angegangen, sie gehen das irische Problem an, die Leute fragen sich jetzt, wo das nächste Problem ist", sagte ein Analyst. Sowohl die Risikoaufschläge für irische als auch für portugiesische Staatsanleihen stiegen an.